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01/08 Vergessen
The blues after

Plötzlich zerplatzte das Schweigen über dem dunklen Wasser. Aufrechtgehende stellten ihre Ohnmacht lüstern zur Schau, während die schwache Brise Musikschnipsel in das Schilf blies. Es roch nach Sonnenöl und frischgemähtem Gras. Eine Fliege landete immer wieder auf ihrem feuchten, gebräunten Körper. Sie verscheuchte sie einige Male ohne Überzeugung, ließ es schließlich sein, lehnte sich bequem zurück und streichelte sanft ihre linke Brust.

Tief atmete der See Blicke, doch seine Wellen starben langsam. Was sich am Ufer bewegte, war längst tot; grelle Farben gaukelten ein Bild der Freude vor, wo seit langem nur mehr Leere herrschte. Noch einmal knarrte der modernde Steg, als sich ein Funke Leben zwischen zwei Leibern entzündete. Fahles Licht stäubte resignierend in die Baumskelette, einige Dohlen besprachen leise die bevorstehende Kreuzigung.

*

Gleich nach ihrer Rückkehr hatte sie das Foto in die untere Schublade gelegt, zu den Tagebüchern und der Balletteintrittskarte vom 5. Oktober 1978. Die Wohnung roch immer noch stark nach ihm. Sie versuchte, sich darüber klarzuwerden, was sie fühlte. Sie fühlte nichts. Nichts. Inmitten der Schmutzwäsche fand sie zwei blutige Handtücher, die sie in einen Müllbeutel packte. Das Tropfen des Wasserhahns hatte eine beruhigende Wirkung, sie verspürte eine leichte, wohlige Schläfrigkeit.

An der Fensterscheibe klebte etwas, das wie getrocknetes Sperma aussah. Die Alte im Hof kotzte soeben ihren Zorn über die Nachgeborenen aus. Im ersten Stock krächzte ein unscharf eingestelltes Radio unverständliche Laute. Du mieser Wichser! Du Drecksau! Das Paar nebenan geriet wieder einmal aneinander; Gegenstände fielen zu Boden, mehrmals wurde ein Körper gegen die Wand gedonnert. In etwa einer halben Stunde würde der Streit in brünstiges Keuchen übergehen und schließlich auf die übliche Art enden. Jetzt war der Nagellack trocken.

*

Reifkristalle hatten die morschen Pfähle überzogen, das Sterben der Blätter war beinahe abgeschlossen. Der Friedhof - wem hatte man wohl die Bezeichnung Gottesacker zu verdanken - wurde von lächerlicher Geschäftigkeit beherrscht, eingehüllt in das bleiche Sonnenlicht. Unaufhaltsam vollzogen sich die Gesetze der Marktwirtschaft, Grabsteine wurden gewaschen, Marmorplatten geputzt, Blumen arrangiert, Kerzen in Gartenzwerggröße entzündet. Alles geschah in widerwärtiger Eile.

Sie fröstelte, als sie an den feisten Leichengesichtern vorbeiging, die zwischen den Gräbern herumirrten, und der Seesack war eigentlich viel zu schwer für sie. Bei Sonnenuntergang würden die Letzten den Friedhof verlassen, der Modergeruch würde verschwinden, und ihr würde endlich warm werden. Sie lächelte. Sie war unterwegs zu den Lebenden.

*

Regen fiel unaufhörlich. Regungslos stand sie an der Bushaltestelle. Zwischen der Fahrbahn und dem schmalen Grasband hatte sich Wasser zu einem schmutzigbraunen Bach gesammelt. Außer dem Fallen der Regenmassen gab es kein Geräusch.

Längst war das Wasser durch die einst beige Jacke gedrungen, die hellen Turnschuhe hatten sich schwammartig vollgesogen. Sie starrte auf die Straße, während der Regen von ihrem Kinn tropfte. Ein dumpfes Rauschen wurde immer lauter, bis der Autobus den Wasservorhang durchbrochen hatte und - ohne einen Fahrgast - schwerfällig zum Stehen kam. Mit einem Ruck öffneten sich die pneumatischen Türen, der Lenker fixierte grimmig die knarrenden Scheibenwischer.

Sie machte einen Schritt nach vorne. Ihr rechter Fuß versank fast vollständig in der dunklen Brühe. Abrupt wandte sie sich um und öffnete das schmiedeeiserne Portal des Friedhofs. Nachdem sie auf dem asphaltierten Weg etwa zwanzig Schritte gegangen war, hörte sie hinter sich ein Geräusch. Sie wagte nicht, sich umzudrehen. Als sie es ein zweites Mal hörte, war sie ganz sicher. Es gab keinen Zweifel mehr. Nie mehr.
© Wolfgang J. Fink


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