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01/08 Vergessen
Elefantenhaut

Bea kneift den Mund zu, die Lippen ganz fest aufeinander, damit kein Schrei nach außen dringt. Obwohl das eigentlich keine Rolle spielt. In diesem Haus, wo der Flur nach Putzmittel riecht und nach Bohnensuppe. Um diese Zeit sind alle arbeiten, da stört sich keiner an einem Schrei.
Der Schmerz lässt nach. Sie liegt auf dem Rücken, versucht, sich zu entspannen. Vielleicht hat sie etwas Falsches gegessen. Das wäre möglich, denkt sie, und sie lässt den Blick über den Fußboden wandern. Sie erinnert sich an die Lehrerin in der Grundschule. Die hat ihnen diese Pyramide gezeigt, eine Pyramide aus Essen. Sie hat erklärt, welche Sachen richtig sind beim Essen und welche falsch. Auf dem Boden liegen lauter Reste von falschem Essen, Chipstüten und Schokoladenpapier und fettige Pizzaschachteln. Ja, Bea hat etwas Falsches gegessen. Sie hat jede Menge Falsches gegessen. Aber das tut sie nun schon lange und nie zuvor ist ihr so schlecht geworden davon.
Sie legt die Hand auf den Bauch. Fühlt Fett, eine dicke, wabbelige Schicht. Sie frisst seit Monaten, stopft alles in sich hinein. Falsches Essen. Ich habe einen Grund, denkt sie, ich habe einen Grund, das zu tun, aber sie hat den Grund vergessen, jedenfalls fällt er ihr nicht ein und stattdessen muss sie plötzlich an Mama denken. Mama war schon eine Weile nicht mehr hier. Dabei wohnt sie hier, in dieser Wohnung, eigentlich. In Wirklichkeit ist sie immer bei ihrem neuen Freund. Der mag keine Teenager und Mama ist lieber bei ihm als hier. Das macht nichts. Bea kann den Typen nicht leiden und sie kommt gut klar. Sie ist sechzehn, immerhin, kein Baby mehr. Ab und zu kommt Mama vorbei. Sie fragt, ob alles in Ordnung ist und Bea sagt ja und bevor Mama geht, legt sie Geld auf den Küchentisch. Von dem kauft Bea ihr Essen und wo Mama ist, ist ihr völlig egal. Außer jetzt. Jetzt auf einmal will Bea, dass Mama da ist, in der Nähe, obwohl sie gar nicht weiß, warum.
Ich muss aufräumen, denkt sie, bevor Mama kommt, sonst macht sie Theater. Mama wird sauer, wenn es aussieht wie im Saustall.
Bea hat Durst. Neben dem Bett steht eine offene Flasche Bier. Sie trinkt nicht oft Bier, sie mag es nicht besonders. Nun manchmal, am Abend, wenn sie nicht schlafen kann. Bier, denkt sie, ist nicht gut, wenn man Bauchschmerzen hat. Aber es ist nichts anderes da und deshalb greift sie nach der Flasche und trinkt. Es schmeckt schal und ihr wird übel davon, aber der Durst ist weg.
Erneut krampft der Bauch. Unter all dem Fett, das weich auf ihm lastet, kann Bea fühlen, wie er von innen ganz hart wird. Das ist nicht gut, denkt sie, und sie hat Angst. Ich sollte zum Arzt gehen, denkt sie, aber das will sie nicht. Der Arzt wird sie ansehen und er wird wissen, dass sie eine fette Sau ist, die lauter falsches Essen in sich stopft. Kein Wunder, wird er denken, dass ihr so schlecht ist und das wird er nicht sagen, aber sie wird es in seinen Augen sehen können. Und er hat ja Recht, denkt Bea, warum bin ich nur so fett geworden. Früher, denkt sie, früher war ich nicht fett. Früher war ich ganz dünn. Und das stimmt. Sie war fast jeden Tag im Schwimmbad. Sie hat gut ausgesehen im Badeanzug, ihre Figur und alles. Sie ist stolz gewesen auf ihren Körper. Sie ist in die große Halle gegangen, wo es nach Chlor roch und Stimmen hallten. Und sie hat trainiert. Fast jeden Tag. Ein Talent, das hat Wilfried gesagt. Wilfried, der Trainer. Du kannst es schaffen, hat er gesagt, wenn du hart arbeitest, dann schaffst du es. Und deshalb war sie da, fast jeden Tag. Mama fand das nicht so gut. Was bildest du dir ein, hat sie gesagt, denkst wohl, du bist was Besonderes. Aber merk dir mal, hat sie gesagt, merk dir mal ein, solche wie du, die schaffen es nicht. Solche wir du haben keine Chance und es gibt Wichtigeres im Leben als diese dauernde Schwimmerei. Einmal ist Bea deshalb ausgerastet. Was denn Wichtigeres, hat sie gebrüllt, vielleicht hier rum hocken und auf den Hof glotzen und sich selbst bemitleiden wie du? Das hätte sie nicht sagen sollen, das hat Mama verletzt. Das wollte Bea ja auch, sie verletzen, aber es hat ihr dann natürlich doch Leid getan. Wenn sie das nicht gesagt hätte, denkt Bea auf einmal, dann wäre Mama vielleicht jetzt hier.
Der nächste Krampf ist so intensiv, dass Bea laut stöhnt und sich krümmt. Sie kriegt fast keine Luft mehr. Ich will nicht sterben, denkt sie, obwohl sie gar nicht weiß, warum. Sie konzentriert sich auf das verschwommene Bild, das Bild von damals. Sie denkt an das Gefühl. Wenn sie im Wasser war, alles an ihr Muskeln und Sehnen. Wie eine Maschine hat sie sich manchmal gefühlt, eine starke, gut funktionierende Maschine, Arme und Beine im Gleichtakt. Du kannst es schaffen, hat Wilfried gesagt, und sie hat ihm geglaubt. Und sie hat ihrem Körper geglaubt und vertraut und ihn gemocht. Ich kann es schaffen, hat sie gedacht, raus aus der kleinen Wohnung und dem Haus mit dem Flur, wo es nach Putzmittel riecht und nach Bohnensuppe. Stipendium, Sportinternat, hat Wilfried gesagt, internationale Wettkämpfe. Die Konkurrenz ist hart, hat Wilfried gesagt. Aber Bea war gut.
Und dann hat sie aufgehört. Sie hat vergessen, warum. Sie war noch nie gut im Erinnern. Manchmal denkt sie, in ihrem Kopf ist ein Schrank mit vielen Schubladen und alle sind voll gestopft und sie müsste wissen, wo sie die Dinge hingelegt hat, aber das weiß sie nie. Sie macht einfach immerzu Schubladen auf und guckt in das Chaos und dann macht sie sie wieder zu.
Am Anfang hat er ständig angerufen. Wilfried. Sie soll sich nicht hängen lassen. Man muss über seinen Schatten springen, hat er gesagt. Keine Heulsuse sein, die aus einer Mücke einen Elefanten macht und sich deshalb die ganze Zukunft versaut. Mücke, denkt Bea, Mücke ist doch viel schlimmer als Elefant. Mücken sind eklig und klein und saugen einem das Blut aus und sind nichts Gutes. Ein Elefant ist gut. Es gibt eine Schublade in ihrem Kopf, sie ist mal im Zoo gewesen, als sie klein war und der Wärter hat den Elefanten ans Gitter geführt und die Kinder durften ihn anfassen. Sie hat Angst gehabt, ein bisschen, weil er so groß war und so stark, aber sie hat ihn trotzdem angefasst und die graue Haut war ganz ledrig und faltig und trocken und trotzdem ganz weich und warm. Den Elefanten hat sie nicht vergessen. Und die Mücke auch nicht. Dabei hat sie es ja versucht. Aber wenn sie ins Schwimmbad kam und das Chlor roch, dann hat ihr Körper sie im Stich gelassen. Ihr ist ganz schlecht geworden und komisch im Kopf und sie ist weggelaufen.
Jemand schreit. Bea schreit, so laut sie kann. Sie schreit und schreit, bis der Schmerz nachlässt. Sie hält es nicht mehr aus. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Vielleicht will sie doch sterben, vielleicht ist sterben besser als das hier. Ihr Hals ist so trocken und ihr ist so übel und es tut weh, es tut schrecklich weh.
Der Geruch, das ging gar nicht, damals. Wenn der Geruch in ihren Kopf drang, dann ging sofort die Schublade auf, die Schublade im Kopf, die zu bleiben musste. Es ist doch nichts dabei, hat er gesagt, jetzt komm schon. Glaubst du denn, ich bin aus Holz, hat er gesagt und es ist doch nichts Schlimmes, und andere lässt du doch auch ran. Sie hat nein gesagt, aber sie waren ganz allein, alle waren schon gegangen und er hat gesagt, das langt jetzt und dann hat er einfach gemacht, was er wollte. Und dann hat er gesagt, sie sei selber Schuld, wie sie da immer rumwackelt in ihrem Badeanzug.
Bea denkt an den Elefanten, ganz fest. Man kann aus einer Mücke keinen Elefanten machen, denkt Bea, das macht keinen Sinn. Sie denkt daran, wie sie aufgehört hat mit Schwimmen und wie er angerufen hat und beim letzten Mal hat er gesagt, dass er sie fertig macht, wenn sie nicht die Schnauze hält. Da war Mama schon weg, meistens, und Bea ist allein klar gekommen. Sie hatte andere Sachen zu tun als über Schwimmen nachzudenken. Sie hat eine Menge gegessen, immer mehr. Und manchmal hat sie sich gut gefühlt davon, aber meistens nicht. Die Lehrerin hat irgendwann auch angerufen und Bea hat gesagt, dass sie umzieht, dass ihre Mutter einen neuen Freund hat und deshalt zieht sie um und die Lehrerin hat gesagt, dass das schade ist und dass sie auf sich aufpassen soll. Und Bea hat gegessen und gegessen und ist fett geworden, aber das war in Ordnung, denn Bea war in Sicherheit. Und jetzt sterbe ich, denkt Bea und schon wieder packt sie ein Krampf und es zerreißt sie und es tut weh. Und es tut weh und weh und sie schreit und dann steht sie auf und kann kaum gehen und sie muss aufs Klo und alles dreht sich und sie hat Durst und sie fällt fast um und hält sich fest am Bettpfosten. Und dann hört sie ein Geräusch, als wäre etwas umgefallen und der Schmerz hört auf und Bea lässt sich zur Seite sinken, auf den Boden, zwischen die Chipstüten und das Schokoladenpapier und die fettigen Pizzaschachteln. Sie macht die Augen zu und atmet, atmet eine Weile und dann macht sie die Augen auf. Etwas liegt da und es macht Geräusche. Ganz leise Geräusche. Es sieht eklig aus, ganz schleimig ist es und irgendwie blau und es bewegt sich und Bea hat Angst davor, weil sie nicht weiß, was das ist und was sie damit anfangen soll. Sie hat Durst und sie greift nach der Bierflasche und trinkt den letzten Schluck und das Bier schmeckt schal und Bea weiß nicht, wie lange es schon da steht. Und sie versucht, sich daran zu erinnern, weil sie sich lieber daran erinnern will als an das, was da liegt. Und sie weiß, dass sie das kennt, was da liegt und nur vergessen hat, was es ist und sie weiß, dass sie die Schublade zu lassen muss, auf jeden Fall, aber sie will sich öffnen, die Schublade und Bea hält sie zu, ganz fest, und sie legt beide Hände auf ihren fetten Bauch, der ihr noch schlaffer vorkommt als sonst. Und sie rollt sich zusammen zu einer Kugel. Bea liegt auf dem Boden und es tut nicht mehr weh, aber obwohl es nicht mehr weh tut, muss sie weinen.

© Sabine Trinkaus


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