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Kontro Vers

Das Online-Magazin


01/08 Vergessen
Ghetto Planet Erde

Kaum hatte sie die Türe des Ateliers hinter sich zugezogen, schwand das Lächeln aus Michelles Gesicht, wie schon zuvor die Geduld mit dem Fotografen, denn ihr Shooting hatte sich lange gezogen, zu lange um jetzt noch das Vorsprechen in Prenzlau zu schaffen. Wieder eine vertane Gelegenheit. Wieder eine kleine Bühnenrolle, die ohne ihre Anteilnahme vergeben werden würde. Wieder einmal. "Manche kommen selbst zu ihrem eigenen Tod zu spät", murmelte sie verdrossen. "Und manche", setzte sie zu, während ein Anflug von Selbstironie das verlorene Lächeln zurückbrachte, "Manche kommen selbst dazu noch pünktlich."
Von den furchtbar vielen Zeilen des drögen Dialogs, den sie heute morgen in aller Eile einstudiert hatte, war dieses Wortspiel das einzige, was sie leiden konnte, da auch ihr so oft die Zeit davonlief, oder aber sie vor der Zeit. Davon abgesehen hatte sie sich umsonst bemüht, denn der Bus war weg, und ein zweites Vorsprechen würde es nicht geben. Verschwendet die Augenblicke am Frühstückstisch, wo sie sich durch den schwerfälligen Text gekaut hatte, anstatt in aller Ruhe ihren Toast. Aber so war es eben: Mal gewinnt man, mal verliert man, und trotzdem versucht man es immer wieder. Und die paar Scheine in der Handtasche - Lohn für Stunden unter Lampenschirmen - zählten auch etwas. So klackerte sie die schmalen Altbaustufen hinab, strich mit ihrer kleinen Hand über das raue Geländer, das schon viele Mädchen vor ihr ergriffen hatten, auf dem Weg hinauf auf die Laufstege der Berliner Modewelt, Mädchen, die hübsche Kleidchen tragen konnten, so wie sie, und dazu ein hübsches Gesicht machten, so wie sie. So überwältigend: so wie sie, dachte sie, gab dann aber ihren Selbstzweifeln den Laufpass, kaum dass sie das sanierungsreife Backsteingebäude verlassen und sich der nächsten U-Bahn Station zugewandt hatte. Im Slalom huschte sie durch die Passanten ohne Gesicht, sehnte sich dabei nach der Geborgenheit einer heiße Dusche, dem Rendezvous mit ihrem Fernseher, mit Feinkostsalat aus der Plastikschale, und fühlte, wie unendlich müde sie doch war, obwohl die große Uhr vor der Apotheke erst Sechs durch angezeigt hatte. Koffeintabletten wären gut. Und eine Rolle, endlich eine Rolle.
Das schrille Quietschen von Autoreifen schreckte sie jäh aus den Tagträumen und zurück in die Querstraße, die sie gerade kreuzen wollte. Angewurzelt stand sie den Augenblick lang, der sie vom Kühlergrill einer stotternden Schrottschaukel trennte, konnte nicht rechts noch links, sah nur die Karosse einen gierigen Satz nach vorne machen, und mit leerem Kopf und bloßen Händen stieß sie sich dann instinktiv von der Motorhaube weg, die noch ein letztes Mal nach ihr schnappte, bevor das Monster innehielt, ohne sie unter sich begraben zu haben. So stand Michelle da, ihr Herz pochte bis zum Hals und die blanken Schienbeine zitterten gegen die Stoßstange. Wo war sie? Wo war sie nur? Sie setzte wacklig einen Schritt zurück, sammelte die schwarze Handtasche auf, die zu ihren Füßen gelandet war - von Penny statt von Prada, dachte sie noch, als auch schon die Fahrertür aufflog und ein leiblich fülliger Mensch sich ungelenk aus dem Auto schälte.
"Bali?"
"Ey, Michelle. Was geht?"
Lässig lehnte der, den sie wie ein Südseeparadies riefen, der eigentlich auf den Namen Ali Benkati hörte, gegen die Fahrzeugtüre. Und obwohl es lange her war, ein anderes Leben beinahe, hatte sie ihn gleich wiedererkannt.
"Ey, fast hätt ich dich platt gefahren." Ein fettes Grinsen spannte sich von Ohr zu Ohr über den kahlen, braunen Schädel mit der breiten Nase, die schon mehrfach gebrochen war, mit dem von Bartstoppeln übersäten Doppelkinn, und den schweren, dunklen Augen. "Was geht?"
"Was machst du denn hier?" Alles was ihr fliehender Blick hielt, war der Verkehr in seinem Rücken, der sich den Weg freizuhupen suchte. "Lange her." Und sie dachte, wie blöd es doch der Zufall manchmal meinen konnte, welchen kranken Humor er gelegentlich an den Tag legte, denn jemand wie Ali Benkati entsprang der Art Vergangenheit, die sie vergessen wollte. Und doch ...
"Steig ein. Nehm ich dich mit." Sie zögerte, derweil sich das vereinzelte Hupen zu einer unkoordinierten Kakaphonie sammelte. "Ey, steig schon ein. Beißen tu ich nicht."
Kaum dass sie in dem verschlissenen Sportsitz versunken war, im Geruch von abgewetztem Leder, da war sie auch schon wieder damals, Sechzehn und Cruisen mit den Jungs. Und so widerwillig sie sich ins Auto hatte quatschen lassen, so sehr genoss sie nun das Durchstarten mit Balis Kiste. "Korrektes Outfit."
Ein schwarzes Stück Stoff bedeckte halb ihre Oberschenkel, ihr weißer Rollkragenpullover war der Jahreszeit nicht ganz angemessen. Aber manchmal ging es nicht anders.
"Klar, ist schon blass gegen deine Kluft", versetzte sie hinsichtlich eines tiefblauen Muscleshirt und abgerissener Jeans, während der Motor hämmerte, als ging es darum, einen Schlagbohrer zu imitieren. Nur das dumpfe Brummen der Boxen übertraf ihn noch an Geräusch. "Was hörst du da?", schrie sie praktisch.
"So Zeug." Er drehte den Sound herunter, als wolle er ein bisschen quatschen. "Hör zu, hab ich neuen Rap gemacht mit die Gang." Und er trommelte auf dem Lenkrad den Takt. "Bist doch bloß 'n Ghettokind. Bist kriminell und bleibst es. Ziehst rum, was sollst du sonst auch machen. Steckst Sachen ein, weil andere stecken deine Chancen ein. Machst Autos platt, weil andere machen dein Leben platt. Ghettokind auf Ghetto Planet Erde." "Gefällt mir", meinte sie nach der Weile zwischen seinem Schweigen und der Gewissheit, dass da nichts mehr kam. "Warst du auch mal. Weißt du noch? Oder hast du vergessen?"
"Schon möglich." Aber sie wusste es nicht. Na gut, dachte sie. Da gab es auch nicht viel zu wissen von früher, von der Gropiusstadt. Sie streckte ihre Arme nach hinten, presste die Handflächen gegen die Kopfstütze und spannte jede Faser ihres Körpers, bereit für die alten Zeiten. Eine Weile kreisten sie durch Neukölln, drückten sich durch blutarme Querstraßen, während Bali parkende Autos taxierte, auf der Suche nach einer günstigen Tankgelegenheit. Denn Sprit war teuer und das Knacken von Tankdeckeln erfordert bloß einen kurzen Augenblick Mut, bringt dagegen neben der Ersparnis eine Menge Respekt, womöglich sogar Schwärmerei von den Schicksen, die nicht wissen, dass der Geschmack von Benzin jede Romantik verliert, wenn man ihn erst mal im Mund hatte.
In zweiter Reihe zog Bali die Handbremse, überließ Michelle ihren Gedanken und verschwand mit einem Plastikkanister in der aufkeimenden Dämmerung von tiefstehender Sonne und noch nicht entflammten Straßenlaternen. Während sie ihr Röckchen tiefer zog, überlegte sie, ob sie nicht verschwinden solle. Sie war sich nicht ganz sicher, wie viel Vergangenheit sie vertragen würde, und fühlte auch schon die unbehagliche Nähe zum Plattenbau. Dann aber war da das Verlangen, dieser Vergangenheit nachzuspüren. Sie wollte noch einmal erfahren, wie es war, wie es sich lebte, dieses Leben vor ihrem Leben, das sie vergessen hatte, irgendwo auf dem Weg aus der Ausweglosigkeit. Denn eben, knapp vor der Kühlerhaube, da hatte sie es nicht gefühlt. Wo war denn das Leben, das in solchen Situationen an einem vorüberzog, wie ein Hollywood-Film? Was sie gesehen hatte waren allenfalls flache Bilder aus einem verstaubten Album.
Nach einer Weile kehrte Bali vom Beutezug zurück, hielt zum Gruß den Kanister wie eine Standarte in die Höhe, aber nicht zu lange, denn Flüssigkeit hat ihr Gewicht. Hastig stieß sie die Fahrertüre von innen auf - Bonnie und Clyde, dachte sie - und schon sprang er in den Wagen und aufs Gas, denn oft war Geschwindigkeit die sicherste Methode, Konsequenzen zu vermeiden, und zugleich ein Rausch, der auch Michelle nicht kalt ließ. Schon wieder Sechzehn und auf der Piste, und die Karren anderer Gangs abziehen. Wieder Maskottchen, manchmal auch Trophäe, manchmal Gewinn. Wie lange war das her? Eine halbe Ewigkeit ... vielleicht eine ganze ...
"Kommst du morgen Jukuz? Mach ich fetten Rap mit der Gang."
"Geht nicht. Fahr ich nach Bad Muskau."
"Hast du jetzt fett die Kohle oder was?"
"Hat mir so ´n Typ spendiert mit dem ich gevögelt hab."
Während sie die Worte hörte, wunderte sie sich über sich selbst, denn es war gar nicht ihre Art. Aber plötzlich war ihr nach anstößig sein.
"Dann komm wenigstens jetzt noch mit bei die Jungs."
Kurze Zeit später fuhren sie in den Plattenbau ein, wie in ein längst vergessenes Gefängnis, und da begann es Michelle zu dämmern, begann sie die Dinge zu ahnen, an die sie sich kaum noch und nicht mehr erinnern wollte. Lau blies der Wind durch die Ruinen, lau wie der pastellfarbene Anstrich der Mietskasernen - Babyblau, Mintgrün und Purpurrot - als wäre es der blanke Hohn einer omni-unpräsenten Gesellschaft. Dort in der Unwirklichkeit dreier Hochhausriesen hauste um ein marodes Bolzplatzgestänge die alte Klicke, drückte Bierdosen weg und die Sprüche vom besseren Leben.
Drei davon kannte sie von früher, die kickten Blechdosen in die Dunkelheit, wo sie sich verloren, und drüben bei den Müllcontainern neben der Laterne lehnte Aishen, die sie noch nie leiden konnte - ein Miststück, dass nur Ärger machte - und bei ihr ein Typ wie eine Bohnenstange, den sie nie zuvor gesehen hatte. Wie ein Schatten aus der Vergangenheit löste sich die kleine Türkin von den Müllcontainern und hielt auf die Neuankömmlinge zu, vielleicht aus Neugier, vielleicht auch aus Langeweile.
"Ey Prinzesschen!" Und als Michelle nichts erwiderte, nur den Kopf schief legte und die Lippen kräuselte, wiederholte sie die Ansprache, steuerte weiter auf sie zu und stieß sie dann herausfordernd zurück. "Mach bloß, dass du wegkommst."
"Spinnst du?" Bali indes tat nichts um zu schlichten, wie er auch sonst nie etwas getan hatte, wenn die Mädchen im Streit waren.
Dann, ohne jede Vorwarnung schlug Aishen ihr mit der Faust ins Gesicht, und es tat weh. Sie schlug wieder, doch diesmal wich Michelle zurück und dem Treffer aus. Geistesgegenwärtig trat sie Aishen ans Schienbein und schubste sie weg, sodass diese aus der Balance fiel und den Asphalt küsste. Vom Spektakel angezogen hatten die Jungs das Kicken gelassen und kamen herüber, was Aishen, die wütend hochfuhr, plötzlich zögern ließ. Sie klopfte sich Dreck aus der Jeansjacke, der nicht da war, und beargwöhnte die Kontrahentin, die mit vor der Brust erhobenen Armen und geballten Fäusten verharrte.
"Mach ich Propellerkick in deine Fresse."
"Jaja. Nicht in einer Million Jahren." Michelle rieb sich die Backe, die noch schmerzte.
"Kannst mich mal."
"Du mich auch. Immer einmal mehr." Gelächter.
"Scheiße, die Bullen!", rief dann einer.
Instinktiv wollte Michelle schon rennen, doch dann fiel ihr ein, dass das gar nicht mehr ihr Leben war: Schlagen und rennen, klauen um zu überleben, das war hinter ihr. Sie sah den anderen nach, wie sie zwischen den Häusern verschwanden, blieb zurück, denn alles, was die beiden Beamten, die ihr mit Taschenlampen entgegenkamen, antun würden, war nicht ein an die Wand stellen oder Taschen leeren, sondern die gut gemeinte Frage, ob denn alles in Ordnung sei, und ob sie die Angreifer hatte erkennen können. Und es würde sie nur einen Augenaufschlag kosten, um im Streifenwagen mitgenommen zu werden, was um einiges angenehmer war, als jede vergrabene Erinnerung, die hier draußen noch auf sie wartete, lauerte. Denn eines war ihr wieder klar geworden: Ihr jetzt und hier war um so vieles besser als das dann und wann von Ghetto Planet Erde.
© Michael Kröhn


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