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Das Online-Magazin

01/08 Vergessen
Glaube Liebe Tod

Anna stöhnt. In einer Nacht habe sie alles zerstört. Ihre Worte eine einzige Unbegreiflichkeit, Anna greift zum Glas, ich merke, wie ihr Blick mich streift, sie setzt an, nimmt einen Schluck, verschluckt sich. Ich will nachfragen, aber sie wehrt ab. Krampfhaft versucht Anna, den Hustenreiz zu unterdrücken, presst sich eine Ewigkeit lang ein Taschentuch vor den Mund, vor ihr Gesicht, den Blick auf ihren Schoß gerichtet. Anna, sage ich, lass dir Zeit.

Kein Mensch habe das Recht, einem anderen so etwas anzutun, tatsächlich kein einziger. Auch sie nicht. Räuspernd hat Anna ihre Worte wiedergefunden, die Augen aufgesperrt wie zwei fassungslose Trichter. Hinter mir höre ich jemanden einen Stuhl zurecht rücken. Anna hat ein Problem. Ich liebe Anna.

Wir sitzen in einem Café. Meine Uhr, sage ich, um etwas zu sagen, geht vor, sie meint, wir säßen schon volle zwei Stunden hier und nicht erst seit zehn Minuten. Eine Kellnerin räumt die Tische ab, ich winke ihr, irgendwann ruft sie über drei Tische Ja, bitte? zu uns herüber. Annas Glas unberührt, sie nimmt es nicht einmal wahr, aber meines ist leer, ich habe ein unbändiges Verlangen nach Flüssigkeit, überlege, kann mich nicht entscheiden, denke, wieso nicht, sage ein Bier, bitte!, aber die Kellnerin ist bereits verschwunden. Von hinten dringt Gemurmel an mein Ohr.

Anna raucht. Zwischen ihren knappen Lungenzügen lässt sie wie zufällig halbe Sätze, manchmal nur Worte fallen, aber ich weiß, dass ihr diese Wortbrocken größte Anstrengung abverlangen. Sie scheint ihre Fassungslosigkeit selbst nicht zu begreifen.

Du musst mich nicht schonen, sage ich als Reaktion auf die Schreie in ihren Augen. Meine Blase drückt, eilig lockere ich meinen Gürtel, bleib sitzen, Anna, geh nur nicht weg! Im Aufstehen wende ich mich um, aber auf dem Stuhl hinter mir sitzt niemand, und ich stolpere vor Verwunderung beinahe über ihn. Anna will wissen, ob alles in Ordnung ist, ich zwinkere ihr zu, unter keinen Umständen soll sie sich Sorgen machen in ihrem Zustand, den ich nicht begreife. Ich setze mich wieder, frage Anna, was sie sagen wollte, sie seufzt, ihre zittrige Hand zieht einen Brief aus der Tasche. Lies, flüstert sie.

Anna!, sage ich, ich verstehe kein Wort! Sie streicht sich mit einer raschen Bewegung durchs Haar, ja natürlich nicht, wie solltest du auch, ihre Stimme fährt in mich wie ein Schwert, hell und scharf, das ist ein Arztbrief. Ich blicke ihr hilfesuchend ins Gesicht, kann aber nur Schleier erkennen. Sie haben noch Wünsche? Die Stimme der Kellnerin lässt uns beide zusammenfahren, ich winke ab, es ist mir egal, was die Frau von uns denken mag. Von wem hast du den Brief, Anna? Was bedeutet das?

Noch nie zuvor wäre sie fremdgegangen, aber jetzt sei ihr klar, dass ich es wissen muss. Anna schluchzt. Natürlich, nicke ich, alles was du willst, Anna. Du kannst mir alles erzählen. Haarsträhnen fallen über ihre Hand, dann sieht sie mir ins Gesicht. Bitte versteh mich, sagt sie, so ernst, dass ich ohnehin nicht anders könnte, als ihr Recht zu geben.

Anna und ich sitzen in einem dämmrigen Café. Sie sei immer treu gewesen, sagt Anna, bloß dieses eine Mal hatte sie eine Ausnahme gemacht, denn kurzzeitig war ihr alles egal. Zuviel auf einmal. Ich nicke. Der Tod der Mutter, plötzlich wie ein heißer Stich, bald darauf die Vermutung des Arztes, wo es schon viel zu spät gewesen ist. Fünf Wochen, die sich dahinzogen wie ein halbes Jahrhundert Menschenleben. Dann die Gewissheit. Hirntumor. Drei Monate vorher hätte man vermutlich noch operieren können, sagt Anna. Sie müsse mir das alles noch einmal sagen, es tue ihr so leid, aber wem denn sonst.

Erinnerst du dich?, fragt Anna und sieht mich angestrengt, beinahe besorgt, an. Ich denke nach, erschrocken über ihre Worte, aber um sie nicht zu beunruhigen nickt mein Kopf währenddessen hastig auf und ab. Wann hast du den Brief bekommen, Anna? Je mehr sie redet, desto weniger verstehe ich. Man dürfe sie nicht verurteilen, meint sie, jeder Mensch zeige Schwächen dann und wann, und gleich darauf: Ich bin ein Dummkopf. Ich sollte sterben! Es tut mir so leid!

Anna, flüstert mein Mund leiser als ich es vorgehabt habe, du wirst wieder gesund! Sie lacht, wie über einen guten Witz, den sie schon ein paar Mal zu oft gehört hat, dann sieht sie mich an und schweigt. In ihrem Blick sitzt etwas Bestimmtes. Gestern haben wir ihn erhalten, sagt sie, plötzlich lächelnd, sodass auch ich reflexartig meine Mundwinkel verziehe, bis ich das Wasser in ihren Augen stehen sehe. Wir?, frage ich, aber sie schließt die Augen und schiebt ihre Hand in die Höhlung meiner Finger auf dem Tisch. Ich drücke sie leicht, unwillkürlich kommt sie mir vor wie eine Raupe, die vorhat zu verenden. Wie soll das weitergehen? Anna blickt wieder zu Boden.

Leise dringt ein Summen an mein Ohr. Ich überlege, wie lange ich Anna bereits kenne, was sie überhaupt in meinem Leben verloren hat, aber in meiner Erinnerung pralle ich an einer grauen Wand ab. Kein Mensch war mir je so vertraut, ich weiß es, trotzdem kommen mir nur Wortfetzen in den Sinn, wenn ich an Anna denke. Nicht einmal ihr Name überzeugt mich wirklich, ich blicke durch ihn hindurch. Anna. Die Panik, denke ich, ganz sicher der Schock über ihre Krankheit. Wenn ich Anna nur helfen könnte.

Anna, sage ich, gib nicht auf, gib dich bloß nicht auf. Ihr Kopf versinkt in ihrer Hand, ich denke nach, mir fällt etwas ein. Weißt du was, Anna, wir machen einen Ausflug, wir fahren an den Bodensee, das wolltest du doch immer schon, nicht, oder nach Prag zu den goldenen Dächern, was meinst du, Anna, ein Kurzurlaub? Anna? Sie hebt ihren Kopf, streckt das Kinn ein wenig vor, lächelt. Der Gardasee, sagt sie, aber das macht nichts.

Er sei vom Chefarzt persönlich, zumindest habe er ihn unterschrieben. Die Worte fallen aus Annas Mund in den Raum, aus ihrem Daumen hämmert ihr Puls in meine Hand. Zuerst habe sie gedacht, ein Scherz vielleicht, ich habe an einen schlechten Witz geglaubt, sagt sie, während sie gleichzeitig gewusst habe, dass es wahr sei, schon seit der ersten Visitation habe sie gewusst, dass es so sein muss. Plötzlich brechen die Tränen aus ihr heraus. Das Summen ist lauter geworden, ich taste mit der freien Hand an meinem Ohr herum, irritiert von ihrer Schwäche, die ich so abrupt nicht erwartet hätte. Die Kellnerin wirft uns vom Nebenraum her einen missmutigen Blick zu; aus den Augenwinkeln bemerke ich, dass dort im Dunkeln noch jemand sitzt.

Wieso warst du nicht noch bei einem anderen Arzt, Anna? Ich will ihr Mut zusprechen, obwohl ich langsam begreife, dass es dafür zu spät ist. Ohne dass es mir bewusst geworden ist, hat sie mit ihren schlanken Fingern meine Hand gepackt und drückt nun zu, dass ich einen Aufschrei unterdrücken muss. Du tust mir weh, flüstere ich. Entschuldige. Sie streicht über meine Hand. Weißt du, sagt sie, ich werde bald sehr allein sein, und dieser Gedanke tut mir weh. Du sollst alles wissen. Anna sagt, sie will mich nicht verlieren. Ich begreife plötzlich.

Aber nein, Anna, nein, ich werde laut, du wirst dort nicht allein sein, du wirst sie alle treffen, deine Mutter… entschuldige, Anna. Ich verfluche mich in Gedanken selbst, versuche, an ihre Mutter zu denken, frage mich, ob ich ihre Mutter kenne, aber ich verbinde kein einziges Gesicht mit dem Begriff, Mutter, eine Brust sehe ich vor mir, ein ungleichförmiger Tropfen mit brauner Spitze, der sich von einem Paar Lippen löst. Lässt du mich den Brief lesen, frage ich, um meine Unsicherheit zu tarnen, aber sie wischt ihn wie einen Fluch vom Tisch, sieht mich mit großen Augen an und legt den Kopf zur Seite. Es wird alles gut, sagt sie dann.

Ich sehe Annas Stirn nicken und weiß, dass sie Recht hat, ich verstehe nur nicht, was sie meint. Hinter mir wieder Geräusche, die das Summen, das unerträglich geworden ist, noch übertönen, aber da sitzt niemand, wie ich mich ruckartig überzeuge, wir sind ganz allein in dem Raum, zumindest bin ich mir sicher, dass wir es sind. Hörst du das, frage ich, aber sie senkt den Blick und wiederholt: es wird alles gut, ganz bestimmt. Genau, sage ich, ganz genau. Anna sieht auf die Uhr und greift in ihre Tasche. Du musst eine nehmen, sagt sie, und stellt ein Fläschchen auf den Tisch, es klingt wie eine Feststellung, die sie mir entgegen schiebt. Anna, das ist deine Medizin, aber da steht auch das Wasser, es ist Zeit, meint sie, bitte. Zum Schein gehe ich auf ihre Bitte ein, um nichts in der Welt würde ich Anna einen Wunsch abschlagen, und sei er noch so dumm. Gut, Anna, ich schlucke die Tablette, aber es ist auch wichtig, dass du eine nimmst, hörst du? Sie nickt. Gemeinsam nehmen wir Annas Medizin ein, bloß meinen Anteil drücke ich mit der Zunge gegen den Gaumen, nehme einen Schluck, verschlucke mich und huste die Pille in die vorgehaltene Hand. Anna hustet auch, dann lächelt sie und streicht über mein Gesicht. Es wird alles gut. Ich liebe Anna.

Wir beide sitzen in einem schmalen, schlecht beleuchteten Raum. Es war keine Verliebtheit, sagt Anna, sie habe sich selbst kompromisslos von einem bedeutenderen Gefühl überzeugt, einer unfassbaren Bestätigung eines Sinns in ihrem Leben. Eine Seelenverwandtschaft, oh Gott, ohne Seele. So lächerlich egoistisch. Sie hatte jemanden gebraucht, und am nächsten Morgen sei sie aufgewacht und habe sich gehasst. Während mir Anna von ihm erzählt, den sie nie wieder sehen wird, weil sie nichts mehr von ihrem Schmerz wissen möchte, weil er auch sterben soll, bemerke ich, dass das Summen in meinen Ohren in ein Dröhnen übergegangen ist. Mein Schädel fühlt sich an, als bestehe er bloß noch aus Vibration. Annas Blick auf unseren Händen. Wie bitte?

Die letzten Worte habe ich nicht verstanden, sie wiederholt, denke ich, und erneut versuche ich, den Silbenbrei dingfest zu machen. Die Kellnerin geht von Tisch zu Tisch, offenbar ist sie daran gewöhnt, Selbstgespräche zu führen. Um uns herum rauscht es, aber Anna scheint sich nicht daran zu stoßen. Der Nebenraum ist zu dunkel, als dass ich noch etwas erkennen könnte, Annas Gesicht jedoch sehe ich deutlich vor mir, es leuchtet wie immer und das gibt mir Mut. Eine Weile schweigen wir, dann habe ich das dringende Bedürfnis zu reden, um nicht mit den Geräuschen in meinem Kopf, die ich nicht begründen kann, allein sein zu müssen. Hast du auch manchmal das Gefühl, dass da jemand ist, wenn es gar nicht sein kann? frage ich. Anna sieht mich lange an, dann kommt sie um den Tisch herum, drückt im Stehen meinen Kopf an ihren Bauch, und aus Dankbarkeit weine ich ein bisschen mit ihr. Sie will nicht, dass ich traurig bin, das weiß ich, aber ich kann nicht anders. Es wird alles gut! flüstert sie hockend, meinen Kopf zwischen ihren Händen, sodass die Vibrationen erträglich werden. Ein Gedanke drängt sich plötzlich wieder auf, Anna, frage ich, woher kennen wir uns?, aber sie hat mich nicht gehört, ich sehe nur ihre Lippen wieder und wieder die gleichen Blasen werfen.

Wir sitzen einander gegenüber, die Geräusche schießen von allen Richtungen auf mich ein, aber ich verstehe Anna besser denn je. Sie, ihr Gesicht, spricht vom Tod. Anna, sage ich, um sie abzulenken, wie hast du ihn kennen gelernt? Wie war sein Name? Obwohl ich keines ihrer Worte erkenne, bin ich einverstanden mit dem, was sie sagt. Anna streichelt meine Hand. Ihr Mund vollführt mit den Worten einen Tanz, und mit einem Mal schlage ich mir, ohne es geplant zu haben, mit der Faust an den Kopf. Es herrscht wieder Stille.

Tinitus, sagt sie, gelegentlich. Der Arzt sagt, die Phasen wechseln einander ab. Nein, Anna, erzähl mir von ihm. Der Eigensinn! nickt sie und drückt meine Hand. Das alles sei ganz normal, man dürfe nichts erzwingen wollen, das verschlechtere den Zustand nur. Der Patient kann nichts dafür! Annas Stimme klingt, als sei sie selbst überzeugt von dem, was sie sagt. Erinnerungslücken kommen dazu. Das Gedächtnis verebbt langsam, lächelt sie, zusammen mit dem Auffassungsvermögen, während eine Träne über ihre linke Wange läuft, oder ist es nur die linke Wange von mir aus gesehen, ich bin mir nicht mehr sicher, lächle aber auch und ergreife wieder ihre Hand und nicke. Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis, sagt sie, unaufhaltsam, bis nichts mehr übrig ist. Bis der vertrauteste Mensch zu einem Fremden geworden ist. Mein Kopf hält sich für einen Wasserfall, aus Annas Mund spritzen Laute, die ich nicht mehr erkenne.

Anna, rufe ich in das Dröhnen hinein, von wem sprichst du? Die Kellnerin hat uns allem Anschein nach aufgegeben, vom Tresen klingt Marschmusik herüber, mit einem Mal knackt es in meinem Ohr und ich höre mich im Dreivierteltakt sprechen, Annas Nase ein Taktstock. Es ist alles gut, sagt Annas Mund, er wirkt völlig aufgelöst, ich sage: Anna, was wolltest du mit mir besprechen, nippe an meinem Bier, das wie Wasser schmeckt. Halluzinationen, sagt Anna müde, kämen vor. Das Schlimme ist, dass man nie weiß, was der Mensch für real hält. Worte werden verkehrt aufgefasst, Sachverhalte verdreht. Cerebrale Dysfunktion, schlussendlich letal, nur das Medikament gewährt etwas Aufschub. Anna liest aus einem Brief. Ich lache, damit sie denkt, dass ich verstehe. Mein Trommelfell ist am Zerreißen.

Hast du die Pille wirklich genommen? Ihr Mund zittert kaum merklich, aus ihren Augen schlägt mir Misstrauen entgegen, ich verstehe kein Wort. Anna! schreie ich gegen das Tosen in meinem Kopf an. Ich liebe dich. Neben mir erhebt sich jemand. Anna lacht.
© Daniel Kindslehner


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