01/08 Vergessen
Der Mann, die Frau, und der Hund
Über dem Herd brannte Licht, der Rest der Küche lag im Halbdunkel. In der Ecke lag ein Stapel Bücher. Die Frau stand vor den Kochplatten und wärmte das Essen auf, sie rührte die Nudeln im Topf um, kratzte die Soße vom Topfboden, gab etwas Wasser hinzu. Sie hörte den Mann im Treppenhaus, wie er die Stufen hinauf kam, seine Schuhe abstellte und dann die Klinke nach unten drückte. Ein kleines Glöckchen läutete. Er stellte seine Tasche im Flur ab, hängte seinen Mantel an den Haken, öffnete die Küchentür und begrüßte sie. Sie wandte sich zu ihm um, lächelte ihn an. Er sah müde aus, die Haut unter seinen Augen war dunkel.
Anstrengender Tag heute, fragte sie.
Ja, sagte er, das Telefon stand nicht still. Sein Blick fiel auf den Küchentisch, auf den Brief, der dort lag, aufgerissen.
Hat sie jetzt geantwortet, fragte er.
Ja, hat sie, sagte die Frau. Nach drei Wochen und zwei Tagen.
Sie nahm den Topf vom Herd und stellte ihn auf einen Untersetzer auf den Tisch.
Der Mann setzte sich auf seinen Stuhl, er fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. Was schreibt sie, fragte er. Lies selbst, sagte die Frau.
Er nahm das gefaltete Papier aus dem Umschlag, klappte es auseinander, fing an zu lesen. Nach ein paar Sätzen legte er den Brief weg.
Das Übliche, sagte er.
Das Übliche, wiederholte die Frau, wie immer. Sie legte Besteck auf den Tisch, schob die Gabeln dicht neben die Teller. Irgendwann ist es zu spät, dann bereut sie es.
Ja, sagte der Mann.
Wir leben nicht ewig, sagte die Frau.
Sie setzte sich an den Tisch ihm gegenüber, er stand auf, holte Salz und Pfeffer aus dem Regal, setzte sich wieder. Sie sah ihn an, als er das Gewürz über sein Essen streute. In den letzten Jahren saß er gebeugt, zog seine Schultern nach vorne, schien den Größenverlust durch ein Strecken des Halses ausgleichen zu wollen, sein Hals wurde immer länger, der Kehlkopf ragte spitz hervor, preßte sich gegen die Haut.
Sie nahm ihre Gabel und begann zu essen. Der Mann spießte ebenfalls ein paar Nudeln auf. Ihre Zähne mahlten leise durch den Teig, die Frau schluckte kaum hörbar, der Mann etwas lauter.
Wir haben alles richtig gemacht, sagte die Frau. Sie sah in ihren Teller, sonderte eine Nudel aus und legte sie an den Rand.
Ja, antwortete der Mann, wir haben alles richtig gemacht. Fehler macht jeder. Er schaufelte sich seine Portion in großen Bissen in den Mund, kaute kaum noch, schluckte nur.
Die Tür öffnete sich sacht, wie von Geisterhand aufgeschoben, der Hund schlüpfte herein. Er wedelte mit dem Schwanz, als er den Mann sah, stupste mit der Schnauze an dessen Hosenbein, dann ging er zu seinem Korb in der Ecke, drehte sich ein paar Mal im Kreis, als müßte er Gras platt treten, dann rollte er sich auf der Decke zusammen und legte den Kopf auf die Vorderpfoten.
Die Frau sah zum Hund hin, hielt die Gabel auf halber Höhe zum Mund. Er hat Husten, sagte sie zu dem Mann. Er hat wieder Wasser in der Lunge.
Der Mann nickte. Fünfzehn Jahre, sagte er. Er schob seinen Teller weg, der Teller war noch halb voll. Die Frau sagte nichts. Der Mann faßte sich an die Nase, rieb die schmale Stelle zwischen den Augen, die Haut in den Augenwinkeln knatschte leise, dann ließ er die Hand sinken. Die Frau nahm seinen Teller, schüttete die Nudeln in den Müll.
Verdammtes Spray, murmelte er.
Du hast es zu lange genommen, sagte die Frau. Ich habe es dir gleich gesagt.
Ja, ja, sagte der Mann, wer kann denn sowas ahnen. Er faßte sich wieder an die Nasenwurzel, rieb die dünne Haut hin und her.
Ich könnte Pappe essen. Er nahm seine Finger von der Nase, legte die Hand auf den Tisch.
Die Frau aß ihren Teller langsam leer, erhob sich, stellte den Teller in die Spüle zu dem anderen, ließ Wasser darüber laufen und gab etwas Spülmittel hinzu. Dann drehte sie den Wasserhahn wieder zu. Sie blieb einen Moment vor dem Spülbecken stehen, dann faßte sie an die Heizung und stellte sie eine Stufe höher.
Manchmal frage ich mich, wie das andere Kind geworden wäre, sagte der Mann hinter ihrem Rücken.
Sie drehte sich nicht um, ihre Hand hatte sie immer noch an der Heizung, sie stellte sie noch eine Stufe höher. Laß uns nicht davon reden.
Trotzdem, sagte der Mann, manchmal frage ich mich das.
Es war nicht die Zeit dafür, sagte die Frau.
Nur ein Jahr vorher, sagte der Mann, nur ein Jahr vorher.
Die Frau drehte sich jetzt um. Ihre Hand hielt sie von sich weg wie einen Fremdkörper. Laß uns nicht über vergossene Milch weinen. Was geschehen ist, ist geschehen. Wir hätten es uns nicht leisten können.
Die Frau setzte sich wieder an den Tisch.
Vielleicht wäre es ein Junge geworden, sagte der Mann. Jungen sind unkompliziert.
Nein, sagte die Frau, es wäre auch ein Mädchen geworden.
Sie schwiegen, der Hund streckte sich und gähnte laut, ein hoher Ton kam aus seiner Kehle. Sie sahen beide zu ihm hin.
Ich gehe morgen mit ihm zum Tierarzt, sagte die Frau.
Der Mann nickte.
Wir haben ihr ein Zimmer im Keller gebaut, sagte er.
Ja, sagte die Frau, wir haben ihr ein Zimmer im Keller gebaut, mit Badezimmer und allem, es hat damals zehntausend Mark gekostet. Sie hatte mehr Platz als ihre Freundinnen.
Sie ist undankbar, sagte der Mann.
Die Frau nickte. Sie ist undankbar, wiederholte sie, das war sie schon immer.
Der Hund kam aus seinem Korb, er tapste über den glatten Küchenfußboden, ging zu dem Mann hin, legte seinen Kopf auf dessen Knie. Der Mann streichelte ihn.
Wir waren viel zu gut zu ihr, sagte der Mann.
Ja, sagte die Frau, wir waren viel zu gut zu ihr, wir haben sie verwöhnt. Verwöhnte Kinder sind undankbar.
Sie bückte sich, nahm ein paar Bücher vom Stapel und Klebefolie aus einer Kiste neben der Heizung. Sie klappte die Bücher auf, löste die Umschläge ab und begann sie zurechtzuschneiden. Dann klebte sie die Umschläge mit der Klebefolie auf den Buchdeckeln fest. Sie arbeitete schnell und routiniert. Der Mann sah auf den Hund nieder, streichelte seinen Kopf, er hörte das Rascheln der Seiten.
Halt mal fest, bat die Frau. Sie schob ihm ein Buch hin und er drückte seine Hand auf den Buchdeckel mit der Folie darüber, preßte sie nach unten. Die Frau legte ihren Kopf schräg, blickte auf die Kanten des Buches. Es ist ein wenig schief, sagte sie mehr zu sich selbst.
Er schaute auf ihren Kopf, der sich über das Buch beugte. In den letzten Jahren war sie alt geworden. Den grauen Ansatz ließ sie immer länger heraus wachsen, seitdem sie gehört hatte, daß die Farbpigmente durch den ganzen Körper wandern konnten. Er wartete darauf, daß sie ihre Haare gar nicht mehr färbte. Frauen über sechzig mit pechschwarzen Haaren sind unnatürlich, fand er.
Sie zog das Buch wieder zu sich hin. Er nahm seine Hand weg und begann erneut, den Hund zu streicheln.
Montagmorgens war ihr immer schlecht, sagte die Frau über das Buch gebeugt. Sie hat ihr Frühstücksbrot beinahe nicht hinunter bekommen, sie mußte immer würgen und hatte Bauchschmerzen.
Sie war zu dünn, sagte der Mann. Spitze Schultern und keinen Arsch in der Hose.
Nachher hat sie das Brot in die Toilette gespuckt, sagte die Frau. Das teure Brot. Ihr rutschte die Folie aus der Hand und klebte an falscher Stelle fest. Sie löste sie mit einem Ruck. Dabei war sie gut in der Schule.
Der Mann griff mit der linken Hand in den Brotschrank, holte eine Packung mit Keksen heraus, streichelte mit der rechten Hand den Hund weiter. Er nahm einen Keks aus der Schachtel, biß ein Stück ab, kaute, legte den Keks dann auf den Küchentisch. Die Frau sah kurz auf, blickte auf den Keks, dann wandte sie sich wieder ihren Büchern zu.
Ich weiß nicht, was sie uns vorwirft, sagte der Mann.
Nein, antwortete die Frau, das weiß ich auch nicht. Wir waren viel zu gut zu ihr, sie hatte uns gar nicht verdient.
Der Mann nahm den Keks und gab ihn dem Hund. Der Hund schnüffelte daran, dann drehte er seinen Kopf weg. Der Mann legte den Keks zurück auf den Tisch. Er steckte eine Hand in die Hosentasche und klimperte mit dem Kleingeld.
In der anderen Hosentasche habe ich ein Loch, sagte der Mann.
So? murmelte die Frau. Sie pustete ein paar festgetrocknete Krümel aus einem Buch.
Kommt sie zu Weihnachten, fragte der Mann.
Du hast den Brief doch gelesen, sagte die Frau.
Nicht zu Ende, sagte der Mann, nicht zu Ende.
Die Frau starrte auf die Schatten, die die Bücher warfen. Sie stand auf, stellte das Licht über dem Herd aus, dann knipste sie das Neonlicht über der Küchenanrichte an. Der Raum wurde gleißend hell. Der Mann schloß einen Moment die Augen. Der Hund stupste ihn mit der Schnauze an.
Wir versuchen, den Kontakt zu ihr zu halten, sagte der Mann mehr zum Hund als zur Frau.
Ja, das versuchen wir, sagte die Frau. Wir schreiben ihr zum Geburtstag und zu Weihnachten. Sie sah in die Spüle auf die schmutzigen Teller. Das Spülwasser hatte sich mit der Tomatensoße vermischt. Die Frau seufzte. Sie setzte sich wieder.
Sie wollte nie im Haushalt helfen.
Der Mann sagte nichts.
Weißt du noch, wie du im Garten hinter ihr her gerannt bist und sie geschlagen hast, weil sie nicht Klavier spielen wollte, sagte die Frau.
Sie war faul, sagte der Mann.
Das teure Klavier, sagte die Frau. Sie ließ ein paar Seiten durch ihre Finger gleiten, die Blätter lösten sich nur schwer voneinander.
Sie wollte unbedingt ein Klavier haben, sagte der Mann.
Ja, sagte die Frau. Du mochtest Klaviermusik damals so gern.
Und dann spielt sie nicht, sagte der Mann.
Wir waren auf einem Konzert, und du warst hinterher so begeistert, sagte die Frau.
Ja, sagte der Mann. Er kraulte dem Hund die Ohren.
Die Neonleuchte über der Küchenanrichte flackerte.
Du mußt mal die Röhre auswechseln, sagte die Frau. Sie flackert immer stärker.
Ja, sagte der Mann. Nur Vorwürfe, sagte er.
Die Frau sah einmal kurz auf, blickte dann wieder auf die Bücher.
Der Mann faßte den Hund an beiden Ohren und drehte sie um dessen Kopf. Der Hund schüttelte sich, bis seine Augen wieder frei lagen. Er sah den Mann an, legte seine Schnauze auf dessen Knie.
Morgen ist Totensonntag, sagte die Frau. Ihre Stimme wurde plötzlich brüchig, der Mann sah nicht auf.
Ich habe meine Eltern nicht mehr, und sie hat ihre Eltern noch. Die Frau fing an zu weinen. Der Mann streichelte hilflos den Hund.
Meine Mutter hat mich auch geschlagen. Trotzdem habe ich sie über alles geliebt. Sie holte ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und putzte sich die Nase. Einmal hatte ich einer Nachbarin etwas erzählt, das ich nicht erzählen durfte, ich weiß nicht mehr was, und meine Mutter hat mich so geschlagen, daß ich drei Tage nicht sitzen konnte. Ich war fünf oder sechs damals. Trotzdem habe ich sie geliebt.
Ich weiß nicht, was sie uns vorwirft.
Der Mann nickte. Sie hatte es gut bei uns. Er sah den Hund an, als er sagte: Mich hat mein Vater einmal mit der Mistgabel auf den Kopf geschlagen. Ich weiß nicht mehr, was ich angestellt hatte. Das habe ich ihm doch auch nie vorgeworfen. Er war doch mein Vater. Und so schlimm war es doch nicht. Sowas kam eben vor.
Wir waren viel zu gut zu ihr, sagte die Frau. Sie hatte alle Freiheiten. Wenn sie von der Schule nach Hause kam, ist sie zur Schaukel hinten im Garten gerannt, wo ich sie vom Küchenfenster aus nicht sehen konnte. Sie hat stundenlang geschaukelt und dabei gesungen, das hat mir Ludwig Eckert erzählt. Wenn er im Garten arbeitete, konnte er sie durch die Hecke singen hören. Ich bin nicht dorthin gegangen und habe sie dort weggeholt, sie durfte stundenlang schaukeln und singen, manchmal kam sie erst nachmittags zum Essen hoch. Sie hatte alle Freiheiten.
Der Mann nickte. Er pulte im Ohr des Hundes herum. Er hat wieder Milben, sagte er. Die Frau reagierte nicht. Wir haben unseren Eltern nichts vorgeworfen. Wir haben unsere Eltern geliebt.
Der Hund fing plötzlich an zu husten, er röchelte und würgte, als wollte er etwas ausspucken. Der Mann und die Frau sahen ihn an, sie schwiegen und warteten ab. Der Hund sah verlegen aus, als er wieder normal atmen konnte.
Sie könnte dankbarer sein, sagte der Mann. Die paar Mal, die wir sie geschlagen haben.
Wir haben sie nie an den Kopf geschlagen, sagte die Frau. Davon wird man dumm, sagte meine Mutter immer.
Die Neonröhre flackerte wieder. Du mußt wirklich die Röhre auswechseln, sagte die Frau. Sie nahm noch ein paar Bücher aus der Kiste, klappte sie auf, schaute sich die Bindung an. Ab und zu zog sie die Nase hoch. Sie ließ ihre Finger über den Schnitt laufen. Daß die Leute immer ihren Kaffee über die Seiten schütten müssen, murmelte sie.
Wieviele mußt du denn noch kleben, fragte der Mann.
Die Bücherei hat noch mehrere Kisten, sagte sie. Sie legte das Buch in ihrer Hand auf den Tisch, holte das Taschentuch aus ihrem Ärmel und schneuzte sich geräuschvoll. Plötzlich lachte sie. Als Herr Oberschmidt mir die Kiste ins Auto tragen wollte, ist der Boden durchgebrochen.
Der Mann sah seine Frau an. Nimmt er noch sein Medikament, fragte er.
Die Frau überlegte einen Augenblick, immer noch grinsend. Ich habe es ihm heute morgen in den Napf gebröselt, sagte sie. Sie schnitt zwei gleich große Stücke Folie zu. Die Schere glitt geräuschlos durch die Vorlage.
Ruf sie doch noch einmal an, sagte er.
Sie ändert sich nicht, sagte die Frau. Ich habe ihr im letzten Brief geschrieben, daß unsere Tür ihr immer offen steht.
Der Mann nickte.
Vielleicht kommt sie ja mal zur Besinnung, sagte die Frau. Sie packte die Bücher in die Kiste zurück. Wir lieben sie schließlich, sie gehört zu uns.
Sie schob den Karton mit dem Fuß gegen die Heizung.
Der Mann holte das Kleingeld aus seiner Hosentasche, stapelte es auf dem nun freien Tisch, sortierte es nach Größe. Die Frau sah ihm zu, sie knetete ihre Hände, cremte sie dann ein, aus einer Tube, die auf der Fensterbank stand. Der Mann schubste den Stapel Münzen um, die Geldstücke fielen klirrend auf den Tisch. Die Frau zuckte zusammen. Vielleicht begreift sie es irgendwann, sagte sie. Der Mann nickte, er schob die Münzen in seine Hosentasche zurück und klopfte ein paar Mal auf den Stoff, dann stand er schwerfällig auf, nahm den Brief vom Tisch und legte ihn zu ein paar anderen in ein Küchenregal. Ich gehe mit dem Hund raus, sagte er. Ja, sagte die Frau. Schließ nachher die Haustür ab, und die Garagentür. Ja, sagte der Mann. Er zog einen Schlüssel vom Haken neben dem Kühlschrank. Der Hund folgte ihm schweratmend in den Flur. In der Tür drehte der Mann sich noch einmal um.
Manchmal habe ich mir als Kind gewünscht, nicht da zu sein, sagte er, weg zu sein. Er sah auf den Küchenfußboden.
Ja, sagte die Frau, ja, vielleicht. Sie war aufgestanden und sah sich suchend in der Küche um. Ja, wiederholte sie.
© Sandra Niermeyer
Zurück zur Übersicht