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Das Online-Magazin


01/08 Vergessen
Paul Koller hat die Nase voll

"Ja, Sie mich auch!", brüllte Paul Koller in den Hörer, um ihn im nächsten Moment auf die Gabel zu knallen.
"Gibt's Ärger?", erkundigte sich sein dadurch aus seinem Büroschlaf gerissener Kollege, Ossi Premminger. Natürlich gab's Ärger! Wonach sah das eben denn aus? Nach einem Heiratsantrag vielleicht? Paul Koller versuchte sich zu beruhigen, atmete zweimal tief durch, bevor er Premminger antwortete. Der konnte ja nun wirklich nichts dafür, wenn ihn, Koller, die Leute wieder einmal auf die Palme brachten.
"Firma Denk & Söhne kann die bestellten Ersatzteile nicht rechtzeitig liefern. Was sag ich jetzt dem Kunden? Der will doch morgen seinen rundum erneuerten Audi A4 abholen. Soll ich ihm etwa einreden, dass es momentan voll im Trend liegt, ohne Kotflügel herumzufahren?"
"Paul, jetzt geh einmal runter vom Gas", bemühte Premminger einen branchenüblichen Sager. "Wir werden schon eine Lösung finden."
Dessen war sich Koller nicht so sicher. Seit er hier bei Kfz-Selmann begonnen hatte - also seit über drei Jahren - war sein Nervenkostüm nach und nach dünner geworden. Die ewigen Verhandlungen mit unzuverlässigen Zulieferfirmen, die wie aus Prinzip keinen Termin einhielten, brachten ihn regelmäßig auf hundert. Und da er es war, der die peinlichen Verzögerungen an die Kunden weiterzugeben hatte, wurde er selbst auch immer dafür angeschnauzt. Was ihn aber vor allem beunruhigte war, dass er sich in letzter Zeit nicht mehr richtig auf seinen Job konzentrieren konnte. Als sei die Unzuverlässigkeit der anderen ansteckend, unterliefen auch ihm immer öfter Fehler. Es kam vor, dass er Besprechungstermine oder Treffen mit Kunden versäumte, weil er schlichtweg darauf vergessen hatte. Und diese Fälle häuften sich. Für all das gab es natürlich eine plausible Erklärung: Der Dauerstress hatte sein Gedächtnis angegriffen, wie auch Streusalz eine Bodenplatte nach und nach durchlöchert. Trotzdem. So konnte es nicht weitergehen Er war mittlerweile schon so weit, dass er in der Früh zum Frühstück Baldriantropfen einnehmen musste, um einigermaßen entspannt in die Arbeit zu kommen, ein Zustand, der freilich nie lang anhielt.
"Paul, du solltest dir Urlaub nehmen", sagte jetzt Premminger. Es war sein klügster Satz in drei Jahren gewesen. Während Premminger noch ob seines Geistesblitzes in die Gegend grinste wie ein frisch polierter Kühlergrill, war Paul Koller schon auf dem Weg ins Chefbüro.

Dass der Chef gleich zwei Wochen Urlaub genehmigen würde, hatte Paul Koller nicht erwartet. Er hatte wohl einen guten Moment erwischt - einen sehr guten, fast schon ein kosmisches Fenster, in Anbetracht der sonst chronischen Übellaune seines Chefs.
Die ersten Tage seines Urlaubes hatte er mit Nichtstun verbracht. Eine geeignete Methode, Abstand vom Berufsstress zu bekommen, wie er meinte. Da war es ihm nur gelegen gekommen, dass seine Frau für ein paar Tage zu ihrer Mutter in die Steiermark gefahren war - zum Wandern. Er hatte also die Wohnung für sich allein. Zeit, um wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen. Zeit, um Kraft zu tanken und mit aufgeladenen Batterien in die Firma zurückzukommen, belastbar wie in alten Tagen und ausgestattet mit einem erholten Hochleistungshirn, dem nicht das kleinste Detail durch die Gehirnlappen rutschen konnte. Am vierten Urlaubstag machte er sich daran, die Wohnung auf Vordermann zu bringen, sich nur auszuspannen war ihm allmählich doch zu langweilig geworden. Hoch motiviert zeichnete er auf Millimeterpapier den Plan für ein Wandregal. Er würde es selbst bauen und im Wohnzimmer montieren. Durch die manuelle Tätigkeit würde er frei im Kopf werden. Im nächsten Baumarkt besorgte er die benötigten Materialien. Dank seiner Vergesslichkeit musste er den Baumarkt fünfmal aufsuchen, bis er endlich alles beisammen hatte. Beim fünften Anlauf war er vom Verkäufer bereits wie ein guter alter Bekannter empfangen und mit den Worten dann bis später verabschiedet worden. Und tatsächlich kam er noch einmal in den Baumarkt zurück, hatte er doch seine Briefbörse an der Kassa liegen lassen.
Nun aber an die Arbeit. Im Wohnzimmer lagen die Bretter und Schrauben als könnten sie es nicht mehr erwarten, endlich zum Regal zu werden. Daneben stand der Werkzeugkoffer. Aber etwas fehlte. Natürlich! Befriedigt, dass es ihm so schnell eingefallen war, ging Paul Koller in die Küche, um sich das obligate Handwerker-Bier zu holen. Beim Zurückgehen hatte er freilich schon wieder vergessen, dass sein Werkzeugkoffer gleich um die Ecke stand.

Es war stockdunkel, als Paul Koller zu sich kam. Ahnungslos, was eigentlich los war, versuchte er instinktiv seine Beine zu bewegen. Es gelang. Auch die Arme gehorchten ihm. Er hob vorsichtig den Kopf, ein stechender Schmerz durchfuhr sein Gesicht. Langsam öffnete er seinen Mund. Kein Schmerz, die Kiefer schienen in Ordnung. Trotzdem hatte er den Geschmack von Blut auf der Zunge. Paul Koller tastete mit den Fingern sein Gesicht ab. Die Nase war noch gerade. Auf der Stirn zeichnete sich allerdings eine Beule ab und das linke Auge war allem Anschein nach zugeschwollen. Das rechte schien zum Glück unversehrt. Nach und nach erwachte er aus seiner Benommenheit. Was war geschehen? Er wusste es nicht. Alles was er wusste war, dass er hier auf dem Fußboden seines Wohnzimmers lag - einäugig, mit blutigem Mund und einer mächtigen Beule auf der Stirn. War er Opfer eines Verbrechens geworden? Vielleicht. Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, legte er den Kopf zurück auf den Fußboden, atmete tief durch - einatmen - ausatmen - einatmen - ausatmen. Und da geschah es: Wie aus dem Nichts kam die Erinnerung plötzlich zurück: Er war gestern gestürzt. Als er sich aus der Küche ein Bier geholt hatte, war er beim Zurückgehen über den Werkzeugkoffer gestolpert. Ja, genau so war es gewesen. Vor sich erkannte er jetzt schemenhaft die Bierflasche, sie war wie durch ein Wunder heil geblieben. Kein Verbrechen also, kein Einbruch, nur eine dumme Ungeschicklichkeit. Einigermaßen beruhigt schleppte er sich ins Schlafzimmer und legte sich, so wie er war, ins Bett. Er hatte sich ein wenig Ruhe verdient.

Am nächsten Morgen verließ Paul Koller zeitig das Bett. Er hatte die ganze Nacht kein Auge zugebracht - von seinem zugeschwollenen Auge einmal abgesehen. Zu viele Gedanken hatten ihn aufgewühlt, Gedanken, die um den mysteriösen Vorfall - oder besser Unfall - vom Vortag kreisten. Der Badezimmerspiegel förderte das ganze Ausmaß des Sturzes zutage: Paul Koller war relativ glimpflich davon gekommen. Die Beule war - so schien es ihm - über Nacht ein wenig kleiner geworden und das Auge ließ sich schon wieder einen Spaltbreit öffnen. Beide hatten eine dunkelviolette Färbung angenommen - ein untrügliches Zeichen für den einsetzenden Heilungsprozess. Bald würden sie heller und heller werden, irgendwann einen schmutzigen Gelbton annehmen, um wenig später ganz zu verschwinden.
Was Paul Koller aber eigentlich beschäftigte, waren nicht seine körperlichen Gebrechen. Die hatten sich ja schon gestern, gleich nach dem Sturz, als relativ harmlos erwiesen. Seine Gedanken kreisten vielmehr um seine rätselhafte, plötzliche Erinnerung. Er war am Fußboden gelegen, völlig ahnungslos, was geschehen war. Dann hatte er resigniert den Kopf auf den Fußboden gelegt und ein paar Mal tief durchgeatmet und genau in diesem Moment war es geschehen: Er hatte sich mit einem Mal wieder an alles erinnern können, lückenlos - Wie war das möglich? Paul Koller ging ins Wohnzimmer, an den Tatort sozusagen. Sein Lokalaugenschein führte ihn in die Küche, wo er auch das Herausnehmen des Bieres detailgetreu rekonstruierte. Dann ging er mit dem Bier in der Hand zurück ins Wohnzimmer, genau so, wie er es gestern getan hatte. Er ließ sich sogar vorsichtig über den Werkzeugkoffer fallen, wobei er sich einigermaßen lächerlich vorkam, und kam - viel sanfter als tags zuvor - auf dem Fußboden zu liegen. Hier liegend war er gestern Abend wieder zu sich gekommen. Hier liegend hatte er sich an nichts mehr erinnern können. Hier liegend hatte er den Kopf auf den Fußboden gesenkt und tief durchgeatmet. Und exakt in diesem Augenblick war die Erinnerung zurückgekehrt. Er legte also wie gestern seinen Kopf auf den Parkettboden, atmete tief ein. Sofort wusste er, dass er noch Dübeln für die Regalmontage benötigte.
Paul Koller beschlich ein Gefühl, als habe er eben eine Entdeckung gemacht. Eine bahnbrechende Entdeckung, deren Inhalt er aber noch nicht genau erfassen konnte. Er setzte sich an den Tisch, vergrub den Kopf in seine Hände und dachte nach, ohne sich darüber im Klaren zu sein, worüber genau er nachzudenken beabsichtigte. Worauf war er da eben gestoßen? Wie war es zu erklären, dass jetzt schon zweimal - und zwar immer auf dem Wohnzimmerboden liegend - seine Erinnerung zurückgekehrt war - ohne irgendwelche Vorzeichen, praktisch aus dem Nichts. Dafür musste es doch eine logische Erklärung geben! Lange saß er da, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Es wollte nicht und nicht in seinen Kopf, vielleicht waren es doch nur Zufälle gewesen. Um dem Spuk ein Ende zu setzen begab er sich noch einmal - abschließend, wie er meinte - in die bereits vertraute Stellung am Wohnzimmerboden. Diesmal würde ihm nichts wieder einfallen. Er legte den Kopf auf den Fußboden und atmete tief ein - nichts geschah. Erleichtert und enttäuscht zugleich hob Paul Koller den Kopf und ließ ihn ein paar Zentimeter weiter wieder links zu Boden sinken. Also doch ein Zufall, dachte er, als ihm bewusst wurde, dass seine Frau ihre Toilettetasche vergessen hatte. Gleich darauf im Bad die Bestätigung: Franziskas zinnoberrote Tasche stand auf ihrem gewohnten Platz. Jetzt hatte er Gewissheit. Es waren doch keine Zufälle gewesen, er hatte vielmehr eine Entdeckung gemacht, vermutlich eine bedeutende. Paul Koller hatte es jetzt eilig. Er ging ins Wohnzimmer und ließ sich auf die Knie fallen. Auf allen vieren, den Kopf nach unten geneigt krabbelte er durchs Wohnzimmer, wobei er tief einatmete. Und wirklich: Mit jedem Atemzug erinnerte er sich an Dinge, die er in letzter Zeit vergessen hatte. Es fielen ihm längst versäumte Termine mit Kunden wieder ein, sein verschwitzter Hochzeitstag, was letzte Woche zu einer schweren Ehekrise geführt hatte, nicht erledigte Einkäufe und vieles mehr. Der Wohnungsboden schien alle entfallenen Informationen gespeichert zu haben. So schloss Paul Koller mit jedem Atemzug seine Gedächtnislücken.
Am späten Abend hatte er die ganze Wohnung durch. Wie beim Rasenmähen hatte er Zentimeter für Zentimeter den Fußboden abgegrast und mit jedem Atemzug Informationen aufgesogen, Informationen, die er oder Franziska im Laufe der letzten Woche entfallen waren. Alles war im Staub gespeichert worden, nichts war verloren gegangen. Und - so unglaublich es auch schien - er, Paul Koller, war offenbar der erste Mensch, dem das aufgefallen war. Morgen würde er sich den Staubsaugerbeutel vornehmen, der vermutlich die Informationen der letzten Monate in sich barg. Danach sollte sein Wissensdurst fürs Erste gestillt sein. Er würde seine Entdeckung patentieren lassen oder in einem Fachmagazin für Gedächtnisforschung publizieren. Wie genau er damit an die Öffentlichkeit treten sollte, musste wohl überlegt sein. Jedenfalls würde ihm seine Entdeckung Ruhm und vor allem eine Menge Geld einbringen. Genug, dass er nie wieder einen Fuß in sein Büro würde setzen müssen. Von diesen Gedanken und vom starken Staubkonsum benebelt schlief er noch am Küchenboden liegend ein.
Früh am nächsten Morgen war Paul Koller bereits damit beschäftigt, den Staubsaugerbeutel auszubauen - bei seinem Talent fürs Praktische ein Geduldspiel. Mit dem verlockenden Ziel vor Augen, wertvolle Informationen über die letzten Monate zu bekommen, schaffte er es dann doch irgendwie - den Staubsauger würde man in Zukunft nicht mehr benützen können. Das wäre dann aber nicht mehr sein Problem, denn seine Entdeckung würde ihm genug Reichtum einbringen, um es sich für den Rest seines Lebens auf einer einsamen Insel einzurichten. Franziska spielte in diesen Überlegungen keine Rolle mehr. Bei allem, was sie in der Wohnung vergessen hatte, war sie sicher nicht bei ihrer Mutter zum Wandern, sondern verbrachte einige romantische Tage in Venedig. Mit wem genau sie unterwegs war, konnte Paul Koller nicht ausmachen, angesichts der Flut an männlichen Vor- und Kosenamen, die sie im Staub des Schlafzimmerbodens hinterlassen hatte.
Mit einem Schöpflöffel portionierte er sich Staubhügel auf den Esstisch, die er einen nach dem andern feinsäuberlich vom Tisch schnüffelte. Die Informationsflut bereitete ihm mit jedem Zug ein stärkeres Glücksgefühl. Immer schneller wuchsen die Staubhügel auf seinem Tisch und immer rascher waren sie auch schon wieder weggeschnüffelt. Paul Koller wurde zusehends verwegener. Er holte sich aus dem Schlafzimmerschrank einen alten Zehn-Dollar-Schein - ein Relikt aus einem gemeinsamen Amerikatrip mit Franziska. Bei Zurückgehen merkte er, wie ihm alles vor den Augen verschwamm, auch machte ihm das Atmen Mühe. Aus seiner Geldbörse fingerte er seine Kreditkarte. Binnen weniger Sekunden führten unzählige Streets Of Memory, wie er sie bei sich scherzhaft nannte, in die entlegensten Gegenden seines Esstischs. Staubige Straßen, die er eigenhändig mit seiner Kreditkarte angelegt hatte, und die jetzt allesamt durch den Tunnel des zusammen gerollten Dollarscheins in seiner Nase verschwanden. Nach wenigen Stunden hätte es das Innere des Staubsaugerbeutels mit jedem Operationssaal aufnehmen können. Ebenso der Fußboden, die Regale, die Fensterbänke selbst die Blätter des Philodendron: Nicht das geringste Staubteilchen war Paul Kollers Nase entgangen. Er schaffte es gerade noch, Staubsauger und Beutel im Abstellraum zu verstauen, um dann mitten im Wohnzimmer - die Stelle war ihm inzwischen nur allzu vertraut - zusammenzubrechen. Das Letzte, was er hörte, bevor er das Bewusstsein verlor, waren Geräusche an der Wohnungstür.

Franziska fand ihren Mann bewusstlos auf dem Boden liegend. Obwohl der Notarzt in wenigen Minuten in der Wohnung war, konnte er nur noch den Tod feststellen, Todesursache unbekannt. Die fast zeitgleich eintreffende Polizei begann unverzüglich mit der Spurensicherung. Dabei schenkte man der Kreditkarte sowie dem Dollarschein besonderes Augenmerk. Franziska meinte am Ende ihrer Aussage, sie könne es nicht erklären, aber der Gesichtsausdruck ihres toten Mannes hatte auf sie irgendwie zufrieden, nein mehr noch: wissend gewirkt. Von einer Obduktion wurde Abstand genommen, der Fall schien klar: Ein weiterer tragischer Drogentoter, der es geschafft hatte, seine Sucht - sogar vor seinen engsten Vertrauten - geheim zu halten. Da fiel es nicht weiter ins Gewicht, was im Schlussbericht einer jungen Beamtin von der Spurensicherung stand: In der Wohnung des Toten fand sich kein einziger Staubpartikel.

© Wolfgang Ellmauer"


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