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Kontro Vers

Das Online-Magazin


01/08 Vergessen
s.

drei tage. drei tage, seit. drei tage, seit s. durch diese tür gegangen und nicht wiedergekommen ist, die abwesenheit verdichtet sich um ihn her, die dunkelheit verdichtet sich in seinem kopf, und es ist schon beinahe, als wäre s. niemals - s., schattenfrau, schlangenfrau. er wartet und weiß von anfang an, dass er vergeblich wartet, er wandert durch die wohnung, in der s. so wenig spuren hinterlassen hat. drei jahre, kürzer als die drei tage, die er schon darauf wartet, dass s. nicht wiederkommt, er wählt immer wieder ihre telefonnummer und ist nicht überrascht, dass niemand abhebt, er wählt die telefonnummer der polizei die telefonnummern sämtlicher krankenhäuser der stadt und fragt mit einer stimme, die ihm nicht mehr gehört, nach s., er ist nicht überrascht, dass niemand etwas weiß, er wartet und vergisst für augenblicke, worauf er wartet, er wird ein einziges großes warten, die abwesenheit schleicht sich in alle poren, er wartet, sein ganzer körper wartet, am küchenfenster, im badezimmer, zusammengekauert gegenüber dem großen spiegel, aus dem ihr bild schon verschwunden ist. er versucht sich zu erinnern, ihr körper löst sich schon auf in seinem kopf, es ist, als wäre s. nie ganz gewesen, er versucht sich zu erinnern, bis ihm der kopf weh tut, s. zu beschwören, wie man geister beschwört. nachts, wenn er ins dunkle fenster starrt, glaubt er s. flüchtig zu sehen, die tänzerische bewegung eines arms, er nähert sich dem fenster, und s. ist schon verschwunden. er starrt hinaus auf die stadt, die ihm spöttisch zu füßen liegt, irgendwo da draußen, s. - s. könnte natürlich die stadt das land die welt verlassen haben, s. könnte tot sein, doch er kann sich nicht vorstellen, dass s. tot ist, dafür war sie nicht lebendig genug. ihm scheint, dass die stadt s. verschlungen hat, die stadt voller höhlen nischen schwarzer löcher - die stadt starrt zurück aus tausenden leuchtenden augen. jede nacht sitzt er allein hinter dunklen fenstern, wenn s. jetzt draußen vorbeistreifte, würde nichts sie hier anlocken, doch seine hellen fenster waren nicht hell genug - ohne s., was hätte er vom verschwinden gewusst? an jenem abend, als die dunkelheit in seiner hell erleuchteten wohnung aus allen winkeln allen schränken allen spiegeln gekrochen, als er vor dieser dunkelheit in die größere dunkelheit hinaus geflüchtet, die straße ratlos auf und ab gewandert, gegenüber seinem haus stehen geblieben war, auf seine eigenen fenster starrte und sich vorzustellen versuchte, wie man dahinter leben könnte wie er dahinter leben könnte, wenn er nur ein anderer wäre, an jenem abend - s. plötzlich neben ihm, eine sanfte, raschelnde stimme, mit einer spur von akzent, den er weder in diesem moment noch irgendwann später identifizieren kann, da s. doch ihre muttersprache spricht - hier sollte man leben können, nicht wahr? er wendet sich zur seite, sieht zunächst nichts in all der dunkelheit auf der straße im kopf, dann einen sanften, raschelnden schatten, s. deutet auf die hellen fenster seiner wohnung, ob man dort leben könnte? was meinen sie? glücklich sein? er errötet im dunkeln, er fährt sich mit der hand über das gesicht, als wollte er es wegwischen - das täuscht, die hellen fenster sehen nur von außen glücklich aus, warum sind sie so sicher, fragt s. zurück, wissen sie, wer da wohnt? sie? was machen sie dann hier? dasselbe wie sie, auf der straße stehen und mir vorstellen, wie es wäre, hinter diesen fenstern zu wohnen, s. lacht, sanft und raschelnd, glauben sie, dass man die seite wechseln kann? irgendwann wirklich hinter diesen fenstern wohnen kann? zu leben beginnen kann? er lädt s. durch eine leichte berührung am arm ein, mitzukommen, im lift sieht er s. endlich, s. ist dunkel und durchsichtig zugleich, s. sieht aus wie ihr eigenes spiegelbild - s. bleibt nach diesem abend in seiner wohnung, ohne aufheben ohne aufsehen, als hätte sie gar keine brücken abzubrechen oder zu verbrennen, als käme s. nirgendwoher, als hätte sie da draußen kein leben gehabt, das jetzt geordnet zu hinterlassen wäre, irgendwoher tauchen ein paar koffer auf ein paar kisten voller bücher, s. ist übersetzerin, daher vielleicht der akzent, den sie aus einer ihrer vielen sprachen mitgebracht hat. s. gleitet völlig glatt in sein leben, die wohnung verändert sich kaum, s. hat ihr verschwinden von anfang an angekündigt, s. hat sich von vornherein nur provisorisch in seinem leben eingerichtet, denkt er im nachhinein, wie in einem hotel - ihr bild bleibt nicht lang in den spiegeln seiner wohnung haften, nach ihren spuren muss man suchen, wenn s. nicht da ist, ist es fast, als wäre sie niemals dagewesen. er stellt s. seinen wenigen bekannten vor, deren neugier prallt ab an ihrer völligen gleichgültigkeit, s. erzählt nichts, ignoriert sämtliche fragen, schließlich hört man auf, s. zu fragen, man gewöhnt sich an ihre sanfte, raschelnde anwesenheit, selbst wenn s. spricht, ist es, als ob sie schwiege, man ist nie sicher, ob man s. wirklich gehört hat, ihre sätze scheinen von so weit her zu kommen, dass man sie lieber an sich vorüber weiterziehen lässt - er weiß so wenig über s., fragmente, mit denen er jetzt spielt, puzzlestücke, die sich zu keinem ganzen fügen, an deren rändern er knabbert, bis sie sicher nie wieder zusammenpassen - er nimmt es zur kenntnis, dass s. keine familie zu haben niemanden zu kennen scheint, außer zwei drei freundinnen, dunkel und durchsichtig wie sie selbst. nach zweieinhalb jahren erfährt er plötzlich, dass s. eine mutter hat, natürlich hat sie eine mutter, diese mutter lebt, wenn ihr leben auch den namen leben nicht verdient, in einem teuren und traurigen pflegeheim weit draußen vor der stadt, s. will sie besuchen, er bietet ihr an, sie dorthin zu fahren, zögernd nimmt sie an, er weiß nicht, warum s. jetzt plötzlich, nach so langer zeit - s. schweigt den ganzen weg, eine unheimliche vorwegnahme des schweigens, das sie am ziel erwartet, sie kaufen blumen am eingang des heims - die mutter, dunkel und schon völlig durchsichtig im bett, ein kleines bündel schweigen, dennoch sieht er erschreckt, wie ähnlich s. ihr ist, die alte frau im bett wie eine geschrumpfte version von s., eine missglückte kopie, die tochter so groß so schön, die mutter ihr missratenes kind, denkt er, s. wirft die blumen aufs bett, plötzlich wütend, die blumen lassen die mutter noch verwelkter noch toter aussehen, die hände vertrocknetes fleckiges wurzelwerk - die mutter im bett schweigt, die tochter schweigt zurück, s. tritt vor den kleinen spiegel über dem waschbecken und schneidet grimassen - auf dem rückweg ist sie übertrieben fröhlich, ihm ganz fremd, er versucht vorsichtig zu fragen, deine mutter, was, wie lange - s. schneidet ihm das wort ab, sie war früher nicht anders, sie war immer schon so - warst du allein mit ihr? unzulässige invasion. ihr gesicht schließt sich von oben nach unten, geräusch wie ein reißverschluss, mein vater war immer schon tot. nach diesem besuch ist es nicht mehr wie vorher, einige wochen lang ist s. ihm unheimlich, er sieht s. an und sieht die mutter, s. wird noch dunkler und durchsichtiger, s. sieht ihn an und scheint sich erst mühsam zu erinnern, wer und warum - die fenster im heim sind am abend dunkel, nachtruhe um 19 uhr, für meine mutter macht es keinen unterschied, aber man kann nicht nach hause kommen man kann nicht verschwinden - ich habe noch nie wirklich gelebt, sagte s., ich bin wie ein gespenst - und jetzt? lebst du immer noch nicht? ein wenig. manchmal. vielleicht. wenn ich zu dir gehe deine hellen fenster sehe glaube ich, dass ich jetzt gleich anfangen werde zu leben, und das ist fast so gut wie leben, vielleicht besser. man kann fast nach hause kommen man kann fast verschwinden. warum er damals nicht schon daran gedacht hat, dass s., wenn sie so plötzlich in seinem leben auftauchen konnte, aus einem anderen leben verschwunden sein musste, so wie jetzt aus seinem - hinter wessen hellen fenstern s. jetzt wohl wohnt? doch vielleicht wollte sie nur ein wenig von dieser helligkeit, um sich von ihrer vielen dunkelheit zu erholen, noch im hellsten zimmer war es dunkel um sie her, sie brachte ihre eigene dunkelheit mit - so wenig weiß er von ihr, als wäre sie nie dagewesen, wollte sie, dass er sie am verschwinden hindert? s. mit ihren sanften, raschelnden reden davon, dass menschen in der stadt verschwinden zu gespenstern werden niemand mehr weiß, ob sie jemals gelebt haben oder nicht - dieses ständige verschwinden liebe ich an der stadt, niemanden kümmert es, wochenlang monatelang jahrelang liegen tote in ihren wohnungen wandern lebende durch die straßen oder umgekehrt man verschwindet niemand findet einen mehr - aber ich würde dich finden, ich würde dich überall wieder finden - und jetzt findet er s. nicht, sie hatte recht, in der stadt kann man verschwinden, verschwinden kann man auch aus einem dorf, aber nicht im dorf, seine mutter wagt sich seit jahren nicht mehr aus ihrem dorf, nur dort im dorf ist sie sicher, vorhanden zu sein, am rand des dorfes endet ihre welt, das dorf ist ihre arche noah, wie das meer schlägt die welt draußen an die wände des dorfes, dagegen s. - ein einziges mal hat er s. mitgenommen zu seiner mutter, nachdem er ihr vertrocknetes mutterbündel gesehen hatte, versuch, ihr beginnendes verschwinden zu beschwören. s. hatte nach einer stunde im dorf ausgesehen, als würde sie sich gleich in luft auflösen, seine mutter hatte s. nicht beachtet, s. war so durchsichtig geworden, dass er das gefühl hatte, durch s. hindurch zu greifen, als er ihren arm fasste, um sie zum auto zurückzubringen, erst in der stadt wurde s. wieder dichter, die stadt ihr labyrinth, aus dem er jetzt keinen ausweg findet, keinen roten faden, er, ariadne - die stadt atmet, die stadt pulsiert vor seinem fenster, es scheint ihm immer noch immer mehr, als habe die stadt s. verschlungen. er macht sich auf die suche nach s., sie hat in einer ganz anderen stadt gelebt als er, er hat schon fast zu lange gewartet, ihre stadt ist schon fast verschwunden. er ruft im übersetzungsbüro an, von dem sie ihre aufträge bekommen hat, er verstellt seine stimme, wann wird s. wieder zu sprechen sein? noch nie hat er ein so verstörtes schweigen dort gehört, wo man mit wörtern sein geld verdient, nein, s. ist nicht da, in einem ton, als sei s. auch nie dagewesen, ob man ihm wohl x empfehlen sonst noch irgendwie helfen könne? er gibt nicht auf, er fährt selbst ins büro, keine spur von s., er stolpert zum lift und braucht ein paar sekunden, bis er sich im spiegel erkennt, er ruft die frau an, die er als ihre beste freundin in erinnerung hat, dunkel und durchsichtig, sie müsse doch wissen, wo s. sei, ob s. keine nachricht hinterlassen nichts angedeutet habe, sie protestiert nicht redet langsam auf ihn ein spricht mit ihm wie mit einem kranken, kein wort über s., er fährt zu seinen freunden, die s. gekannt haben, bei denen sie beide manchmal das wochenende verbracht haben, er erschreckt sie mit seinem finsteren gesicht seinen wilden gesten, ihr wisst wirklich nichts? warum wisst ihr nichts? aber ihr habt sie doch gekannt? die freunde wechseln vielsagende blicke, holen ihm ein glas wasser, ob er sich nicht einmal gründlich untersuchen lassen will, er wirkt in letzter zeit - vielleicht - sie tun so, als hätten sie s. nie gesehen, als erinnerten sie sich nicht, dass es s. gegeben hat, sie haben s. vertrieben, weil sie sich nicht erinnern wollen, sie sind schuld an ihrem verschwinden, grußlos stolpert er auf die straße zurück, durch den zaun starren drei kinder mit riesigen augen, das älteste zeigt ihm einen vogel, tatsächlich, es zwitschert im kopf - er fährt zu s. mutter, nicht, dass er denkt, sie könnte wissen, wo s., doch vielleicht kann er sie dazu bringen, sich an s. zu erinnern, er beugt sich über sie, starrt ihr in die augen, pflanzenaugen, schlingpflanzenaugen, man hat das gefühl, in diese augen zu fallen, darin zu verschwinden, ob s. - er fragt nach s., er möchte sie packen, sie schütteln, s. aus ihren augen herausschütteln, nur diesen satz: ja, ich habe eine tochter, s. ist meine tochter war meine tochter, eine pflegerin kommt vorbei, wirft ihm einen feindseligen blick zu, sie sollten jetzt besser gehen, wir sind schon ganz müde, als könnte das traurige bündel im bett noch müde werden. er wendet sich um und geht, hinter seinem rücken glaubt er zu hören, geflüstert, meine tochter? du bist meine tochter, aber er muss sich verhört haben, er weiß nicht mehr, wen er noch fragen könnte, niemand erinnert sich mehr an s. - oder war da nichts - nicht die andern zuwenig, sondern er zuviel? schauer den rücken hinab, er vergisst. als er ein paar tage später noch einmal zu dem pflegeheim fährt, ist s. mutter verschwunden, in ihrem zimmer liegt ein fremder alter mann, als er das personal fragt, schaut man ihn seltsam an, scheint ihn nicht zu verstehen, als spräche er hinter glas. die mutter ist verschwunden, s. ins verschwinden gefolgt, oder war es umgekehrt, kalter schauer den rücken hinab, er vergisst. er sitzt und lacht und weint über sich selbst, ein mann mitte dreißig, dessen frau, nicht einmal seine frau, verschwunden ist, und niemand außer ihm scheint sich mehr erinnern zu können, dass es s. gegeben hat, ihre mutter nicht, die das verschwinden der tochter längst schon vorweggenommen hat selbst verschwunden ist, nicht die kollegen nicht seine sogenannten freunde, die s. vertrieben haben, die verstörung in aller augen, wenn er von ihr spricht nach ihr fragt, ob s. - ob es sein kann, er zweifelt an seinem verstand, drei jahre? als ob er jemals wieder - er ist allein mit sich selbst, nicht einmal sich selbst, nichts hat sie mitgenommen, alles hat sie mitgenommen, sein ganzes leben, dafür hat sie ein kleines hellbraunes notizbuch dagelassen, das er plötzlich findet, als er zum x-ten mal die schränke durchwühlt, er ist sich sicher, dass es am vortag noch nicht, ob es - ob s. dagewesen ist? er öffnet es, erkennt die schrift, er liest namen, nummern, adressen, hinten ein päckchen visitenkarten, kundenkarten: aus dem notizbuch starrt ihm eine ganz neue ganz fremde stadt entgegen, eine sinnlose, wahnsinnige stadt, diese orte und menschen verbindet nichts mehr, da s. verschwunden ist - er wählt alle telefonnummern in dem kleinen buch (das feine leder erinnert ihn an ihre haut, er streichelt es, beißt hinein, während er wartet), niemand von denen, die er erreichen kann, erinnert sich an s., niemand hat s. gekannt, nein, es muss sich um einen irrtum handeln, sie sprechen zuerst höflich mit ihm, dann misstrauisch, werden ungeduldig, legen auf, beim zweiten versuch meldet sich niemand, beim dritten versuch existiert die telefonnummer nicht mehr. er wandert und fährt durch die stadt, zu allen adressen, die in ihrem notizbuch vermerkt sind, er folgt ihren spuren, er beschwört ihre stadt, er versucht sie diese stadt versucht s. zu entdecken, s. neu zu erfinden, bevor s. ganz verschwindet, doch er wird nie wissen, was sie gedacht hat, als sie diese straße entlang gegangen ist, wohin sie gesehen hat, auf dieses grün verwucherte fenster dieses verwaschene ladenschild diese verwitterte wand? die kleine schwarze graffiti-katze an der wand zeigt ihre krallen faucht, ob sie - der riesige kaktus im fenster, mit seinen bösen bunten augen, ob er, ob s. gesehen hat? die nische unter der brücke, am fluss, farnverwachsen, einladend, wenn er obdachlos wäre, würde er dort - das dunkle muster im asphalt, dostoevskijs bärtiger kopf - ob s. das gesehen hat? ob dostoevskij s. gesehen hat? tausend winzige orte, nicht-orte, nicht-mehr-orte, da s. verschwunden ist, er wandert durch die stadt durch ihre stadt, gewissenhaft sucht er alle orte auf, die ihre gewesen sein könnten, doch im fitnessclub hat man sie nicht gekannt nicht beim friseur nicht bei der kosmetikerin, aus allen dateien ist s. verschwunden, er sucht und besucht kinos theater buchhandlungen, tee musik erotikläden, boutiquen restaurants cafés, disko video bibliotheken, supermärkte arztpraxen massagestudios, er läutet an haus an wohnungstüren, die sich ihm meist gar nicht manchmal einen spaltbreit öffnen, misstrauisches sie wünschen? er sieht nicht mehr vertrauenerweckend aus, der gut gekleidete gut rasierte gut frisierte mittdreißiger, der er noch vor ein paar wochen war, ist fast schon verschwunden, verschwindet ihr nach, nein, niemand hat s. gekannt, nie ist s. hier gewesen, niemand hat je etwas von s. gehört. schließlich beginnen die adressen selbst zu verschwinden, die hausnummern, die in ihrem notizbuch stehen, sind nicht mehr vorhanden, s. hat sie mitgenommen, damit er sie nicht finden kann. er wandert stundenlang eine finstere vorstadtstraße auf und ab, weil er es nicht glauben kann, dass hier keine nummer 43 existiert, er versucht sich zu konzentrieren, er irrt wieder und wieder die straße entlang, die bei nummer 41 aufhört und bei nummer 45 wieder beginnt und dazwischen verschwindet, er fasst sich an den kopf, wenn er die 43 nur - wäre s. wieder da, er ist sicher, dass s. sich im haus nummer 43 versteckt, im nirgendwo in einer parallelen stadt, einer geisterstadt in der stadt über der stadt unter der stadt, tausend städte in einer, und er weiß nicht, in welcher er s. suchen soll. er wandert durch die stadt, von stadt zu stadt, die städte wuchern unter seinen füßen, er verirrt sich so lange, bis er versehentlich wieder nach hause kommt, er erkennt die straßen nicht wieder, ohne s. unlesbar, böses labyrinth. jahrelang ist er seine wege gegangen, quer durch die stadt an ihr vorbei, abseits dieser wege ist die stadt ihm fremd. die spuren! plötzlich sieht er sie überall, der asphalt die hauswände bedecken sich mit zeichen, mit botschaften, die s. für ihn hinterlassen hat, flüchtig sieht er s. in spiegeln in glasscheiben in fremden fenstern, er läuft frauen nach, die ihr gar nicht ähnlich sehen. nachdem er sich wochenlang verirrt, die stadt immer mehr verwirrt, die straßen völlig ausgelesen, völlig unlesbar zurückgelassen hat, nachdem er die stadt in sich aufgenommen hat, stadt geworden ist, kehrt er nach hause kein zuhause mehr zurück, er breitet den riesigen stadtplan auf dem tisch aus: mit leuchtstiften zeichnet er ein wirres netz darauf, alle orte, an denen s. jemals war gewesen sein könnte an denen er s. nicht gefunden hat. ihre stadt ist monströs, leuchtender spinnenkönig, es raschelt darin, nie wieder. er hört auf, durch die stadt zu wandern und s. zu suchen, er versteckt sich in seiner wohnung, doch die stadt die verwirrung ist ihm gefolgt, er verirrt sich auf dem weg von der küche ins schlafzimmer ins bad ins wohnzimmer, ort des verschwindens, er vergisst, er, ariadne, labyrinth. er sitzt tagelang am fenster und starrt in den himmel, bis er die wolken durch seinen kopf ziehen spürt, kühl und weich, er beißt sich alle nägel ab und reißt sich alle haare aus, er zieht sich die haut ab, die wohnung überzieht sich dafür mit einer feinen grauen haut aus staub, er schreibt spuren in den staub, wirre beschwörungen: ihr name rund ums zimmer, s. um s., als alle wände alle böden alle möbel vollgeschrieben sind, schreibt er den namen auf die reste seiner haut, s. um s., er probiert aus, wie es wäre, s. zu sein, er probiert ihre kleider an, die ihm zu eng sind, während die wohnung ihm jetzt viel zu weit ist, er schminkt sich und starrt sein buntes spiegelbild an, nachts geht er hinaus auf die straße und starrt auf die fenster seiner wohnung, hier war es einmal hell. er erinnert sich jeden tag jede nacht weniger, er versucht aufzuschreiben, was er von s. noch weiß, aber mit jedem wort, das er schreibt, entzieht er s. noch ein bisschen mehr substanz, er erinnert sich an s. schon nur mehr wie an eine figur aus einem roman, in dem er selbst nicht vorzukommen verstand, es gibt keine fotos von s., s. hasste es, sich fotografieren zu lassen, es raschelt in seinem kopf, ist sie das, s.? irgendwo in seinem kopf muss s. sein, er muss s. nur noch einmal zur welt bringen, sie gebären, wie zeus athene athene zeus, das haar zerzaust, er wird s. nie wieder gehen lassen, s. an sein an ihr spiegelbild fesseln, er muss sich konzentrieren: 43 schritte, vorwärts, rückwärts, 43, s. um s., tief atmen, von der tür zum fenster und zurück, ihren namen wiederholen an nichts anderes denken, 43, s. um s., er wird s. wieder holen, s. wird wiederkommen, 43, s. um s., s. wird plötzlich aus seinem kopf springen, er schüttelt den kopf, ist s. schon da, zeus athene athene zeus, s. wird seine tochter sein seine frau sein kind seine mutter sein, s. wird sein s. wird er wird s. sein -
© Martina Stemberger


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